Gießen (fd). Die Grenze sei schmal zwischen dem »Normalen« und dem vermeintlich Verrückten, sagt Manfred Lütz. In seinem Bestseller »Irre! Wir behandeln die Falschen« wagt der Kölner Psychiater und Psychotherapeut einen etwas anderen Streifzug durch die Spielarten der menschlichen Psyche.
Manfred Lütz nahm in der Kongresshalle das Außergewöhnliche und das vermeintlich Normale unter die Lupe. (Foto: fd)
Sein Fazit: Nicht alles Außergewöhnliche sei krank und dürfe entsprechend auch so nicht diagnostiziert und therapiert werden.
Im Rahmen einer von der Alpha-Buchhandlung organisierten Lesung in der Kongresshalle warnte Lütz vor einer drohenden »Diktatur der langweiligen Normopathen« und plädierte für mehr Toleranz im Umgang mit dem Außergewöhnlichen.
Ist es normal, in einer Fernsehsendung vor einem Millionenpublikum einen Regenwurm zu essen? Oder: Ist es normal, dass Prominente die Berichterstattung über ihr Privatleben an die Bild-Zeitung verkaufen? »Ja«, so Lütz. »Zwar ist keiner der Patienten in meiner Klinik so abgedreht wie etwa Dieter Bohlen, doch so sehr man sich auch dagegen sträubt: Dieter Bohlen gilt als normal.« Und Lütz geht weiter: In den Nachrichten sehe er abends regelmäßig Kriegshetzer und Wirtschaftskriminelle, die man nicht behandeln dürfe. »Sogar Hitler oder Stalin waren nicht krank. Sie waren schrecklich, aber eben nicht krank.«
In seiner Klinik hingegen habe er es mit »rührenden Demenzkranken, dünnhäutigen Süchtigen und mitreißenden Manikern« zu tun. »Wo ist da die Grenze?«, fragt er in seinem Bestseller. Zumindest müsse man aufpassen, nicht alles Außergewöhnliche in diagnostische Schubladen stecken und therapieren zu wollen. »Ich könnte wohl bei jedem Deutschen eine kleine Depression feststellen. Ich habe Methoden gelernt«, so Lütz mit einem Augenzwinkern.
Hat das Kind zu früh den Schnuller bekommen? Oder zu spät? Wurde es zu früh auf den Pott gesetzt? Oder zu spät? Viel zu schnell seien heute vermeintliche Gründe für eine psychische Erkrankung festgemacht, viel zu schnell sei eine Diagnose gefällt und eine Therapie begonnen. Ob jemand als krank oder gesund gelte, habe sehr viel mit gesellschaftlichen Konventionen zu tun. »Es scheint, dass wir heute weit weniger tolerant sind als die Menschen in früheren Zeiten«, sagte der Psychiater.
Man erinnere etwa an Franz von Assisi, der eines Tages meinte, die Stimme Jesu zu hören, die ihm befiehlt: »Baue meine Kirche wieder auf.« Heute sei das ein klarer Fall: »Akustische Halluzinationen imperativen Charakters. Ein weiteres belegtes Bett«, prognostizierte Lütz kulturkritisch. Doch Franz von Assisi habe nicht gelitten. Und gerade das müsse schließlich die entscheidende Frage sein: »Psychiater wurden erfunden, um Menschen zu helfen, die an ihren Besonderheiten leiden. Das sollten wir natürlich machen. Aber nicht mehr.«
So berichtet er von einer jungen Frau, die Stimmen hörte: Er habe bei der Übernahme der Patientin von einem Kollegen festgestellt, dass die bisherige Medikamentierung gegen ihre Schizophrenie sehr niedrig gewesen sei, und sie entsprechend erhöht. In der nächsten Sitzung habe sich die junge Frau bitter beschwert: Sicher, die Stimme sei nun weg, habe sie gesagt. Doch genau das sei das Problem: Es war die freundliche Stimme ihrer verstorbenen Lehrerin und damit die Erinnerung an eine ihr vertraute Welt. Lütz reduzierte die Neuroleptika wieder, die Patientin war zufrieden. Daraus zieht er den Schluss: »In seiner Freiheit ist der Patient zu respektieren, auch wenn es sich um die Freiheit zur Störung handelt.«