Ursula Schroeter hat im Rahmen der "Stolperstein"-Initiative das Leben der Wiesecker Arztfamilie Katz recherchiert. »Die tun mir nichts. Ich war Soldat und im Krieg. Ich habe das Eiserne Kreuz.« Ludwig Katz irrte sich. Es war im September des Jahres 1942, als sie die letzten Wiesecker Juden auf die Ladefläche eines Lkw zwangen und in die Gießener Goetheschule fuhren. »Wir kommen zurück«, soll Sofie Katz einer Nachbarin zugerufen haben. Auch Sofie Katz irrte sich. Sie, ihre Tochter Hildegard und ihr Mann Ludwig kamen nicht zurück.
Ursula Schroeter (Mitte) und Ehemann Jürgen am Tag der Verlegung (26. April) zusammen mit den jungen Paten und ihrer Lehrerin von der Friedrich-Ebert-Schule. (Foto: pv)
Fast neun Jahre später, am 13. Januar 1951, erklärte das Gießener Amtsgericht »durch rechtskräftigen Beschluss« die Familie für tot und setzte als Sterbetag den 8. Mai 1945 um Mitternacht fest, als das nationalsozialistische Deutschland kapitulierte. Ermordet wurde die Familie wohl schon viel früher, irgendwann 1943 oder 1944 und mit hoher Wahrscheinlichkeit im Konzentrations- und Vernichtungslager Treblinka. Dort endete nach nicht einmal 50 Jahren der Lebensweg des bekannten Wiesecker Arztes Dr. Ludwig Katz, der in der Keßlerstraße seit Ende der 20er Jahre eine Hausarztpraxis betrieben hatte. Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Aktion »Stolpersteine« hat die Wieseckerin Ursula Schroeter geb. Schomber die Geschichte der Familie recherchiert und ging - bis nach Sao Paulo in Brasilien - auf Spurensuche.
Der älteste Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Wieseck gehört zu Löb Katz, dem Urgroßvater von Dr. Ludwig Katz. Er starb 1887.
Motiviert, die Chronik der Familie Katz aufzuschreiben, hat Ursula Schroeter die Geschichte der eigenen Familie. Ihr Großvater war Eisenbahner und aktiver Gewerkschafter. Nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 war er mehrere Wochen in Haft, erst in Buchenwald, dann in Dachau. Er kam zurück- und schwieg. »So nah mir die eigene Familiengeschichte war, so nah waren mir immer die Geschichte der jüdischen Familien«, erzählt die fast 70-Jährige. Der jüdische Friedhof der bis 1939 selbständigen Gemeinde Wieseck habe schon immer eine Anziehungskraft auf sie ausgeübt. Dort liegt auch Löb Katz begraben, der 1887 verstarb. Das Grab des Urgroßvaters von Ludwig Katz war das erste auf dem Wiesecker Judenfriedhof.
Die Familiengeschichte hat Ursula Schroeter bis ins Jahr 1769 zurückverfolgt. Die Katzens hätten immer in Wieseck gelebt, zunächst in der Adresse 163 (später und heute Gießener Straße 27), wo das -mittlerweile denkmalgeschützte - Elternhaus von Ludwig Katz noch steht.
Während Ludwig aus einfachen Verhältnissen stammte, kam seine Frau Sofie geb. Krittenstein aus einem betuchten Haus. Ihre Eltern besaßen in Bad Wildungen ein koscheres Hotel. Bittere Ironie: Die Krittensteins nannten es »Hotel Germania«. 1926 heiratete das Paar in Bad Wildungen.
Das stattliche Arzthaus in der Keßlerstraße wurde im Auftrag von Dr. Ludwig Katz im Jahre 1928 erbaut.
Ursula Schroeter stieß im Stadtarchiv von Bad Wildungen auf die Familienurkunde. Die später eingefügten Randbemerkungen sind ein Dokument der Entrechtung. Ein Standesbeamter trug ein, dass sich Ludwig und Sofie gemäß Rassegesetzgebung seit dem 1. Januar 1939 auch Israel und Sara nennen müssen. Mit Datum vom 23. Oktober 1950 wurde dieser Randvermerk für unwirksam erklärt - vom selben Standesbeamten.
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