Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Stadt » Übersicht »

»Komasaufen« Jugendlicher nimmt auch in Gießen weiter zu

Artikel vom 31.08.2009 - 23.00 Uhr

»Komasaufen« Jugendlicher nimmt auch in Gießen weiter zu

Gießen (kw). Die Gießener Universitäts-Kinderklinik steuert in diesem Jahr auf einen traurigen Höchststand zu: 46 Minderjährige wurden 2009 bereits wegen heftigen Alkoholrauschs eingeliefert. Voraussichtlich wird bis zum Jahresende der bisherige »Rekord« aus dem Jahr 2007 übertroffen.
Früher machten Jugendliche ihre ersten Alkohol-Erfahrungen häufig mit Bier, heute greifen viele gleich zum Wodka - obwohl der Ve
Lupe - Artikelbild vergrössern
Früher machten Jugendliche ihre ersten Alkohol-Erfahrungen häufig mit Bier, heute greifen viele gleich zum Wodka - obwohl der Verkauf an Minderjährige verboten ist. (Foto: Schepp)
Damals gab es 55 betrunkene Patienten. Der bundesweit steigende Trend zum »Komasaufen« sei auch hier zu beobachten, berichtete auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung Prof. Klaus-Peter Zimmer, Leiter der Klinik. Mädchen und Jungen seien dabei etwa gleich häufig vertreten. Was für ihn und seine Kollegen »ein beunruhigendes Phänomen« darstelle, nähmen etliche Eltern der jungen Patienten gar nicht besonders ernst.

Von den 55 Patienten unter 18 Jahre mussten fünf in »komatösem« Zustand auf der Intensivstation aufgenommen werden, erklärt Zimmer. Darunter war auch die Jüngste dieses Jahres: Eine 13-jährige, die 3,1 Promille Alkohol im Blut hatte. Von einer stetigen Zunahme dieser Patienten - wie sie bundesweit registriert wurde - kann man in Gießen genau genommen nicht sprechen, denn im vergangenen Jahr wurden »nur« 44 gezählt. Doch im Jahr 2006 waren es 32 Betrunkene, 2007 dann fast doppelt so viele, betont der Arzt.

Wenn ihr Kind alkoholisiert im Krankenhaus gelandet ist, stellten Väter oder Mütter »oft gar nicht die Frage: Warum hat mein Kind das für notwendig gehalten? Sie sehen das Ereignis nicht als Ausdruck eines möglichen Problems«, so Zimmer. »Sie sagen eher: Naja, es ist halt passiert.« Dabei hätten die Jugendlichen häufig eigentlich Gesprächsbedarf, für den aber in der Familie die Zeit oder Wahrnehmung fehle. Die Klinik-Mitarbeiter wiesen die jungen Patienten darum gerne hin auf das Kinder- und Jugendtelefon, bei dem sie anonym ihre Sorgen schildern können. »Oft ist es damit getan, dass sie jemanden finden, der zuhört«, so Zimmers Erfahrung.

Manchmal gingen mit dem Trinken Depressionen einher, »und da werden wir natürlich hellhörig«, erläutert der Klinikleiter. »In den USA ist Suizid bereits der häufigste Todesgrund unter Jugendlichen, bei uns ist er auf Platz zwei.« Doch natürlich gebe es nicht immer Anlass zu solchen Sorgen. Bei einigen sei der Alkoholrausch anscheinend ein versehentlicher »Ausrutscher«. »Jede Pubertät bringt Nöte mit sich«, weiß Zimmer. »Wir haben eher Bier getrunken«, heute sorgten härtere Getränke für fatalere Folgen.

Nach Zimmers Beobachtung ist die Hemmschwelle niedriger geworden, Hochprozentiges in sich hineinzukippen. So schwappe die in den USA oder Großbritannien verbreitete Sitte des »Kampftrinkens« zum Schuljahresende offenbar zunehmend nach Deutschland. Jugendliche steuerten den Rausch an, um »Frust« über schlechte Noten oder auch in der Liebe zu bekämpfen. Manchmal werde das Leeren möglichst vieler Gläser auch als eine Art »Mutprobe« gesehen.



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 31.08.2009 - 23.00 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang