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Keine Heimat für Rechtsextreme: So liefen NPD-Kundgebung und Gegendemo

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Artikel vom 23.09.2015 - 21.59 Uhr

Keine Heimat für Rechtsextreme: So liefen NPD-Kundgebung und Gegendemo

Gießen (chh). Hunderte Menschen haben sich am Mittwoch vor der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an der Rödgener Straße versammelt, um gegen eine Mahnwache der NPD zu demonstrieren. Hier gibt's Eindrücke und Bilder vom Nachmittag.

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Mit Buhrufen, Pfiffen und Mittelfingern empfangen die Demonstranten die Rechtsextremen.
© Oliver Schepp
Das in Stein gemeißelte Lächeln ist da: Frank Franz, der Bundesvorsitzende der NPD, blickt in 500 wütende Gesichter. Sein Konterfei ist auf die Plane des kleinen Lastwagens gedruckt, mit dem die rechtsextreme Partei soeben auf den Parkplatz der Sophie-Scholl-Schule vorgefahren ist.

Zehn Männer steigen aus und werden von einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt. »Nazis raus, Nazis raus!«, brüllt die Menge. Die Rechtsextremen scheint das nicht zu stören, im Gegenteil: Mit einem Lächeln auf den Lippen bauen sie die Musikanlage auf, kurze Zeit später dröhnt treudeutsches Liedgut aus den Boxen. Die Kundgebung kann beginnen.

Eine gute Stunde zuvor: Etwa 500 Menschen haben sich um 16 Uhr vor der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Rödgener Straße versammelt. Sie sind gekommen, um gegen die NPD zu demonstrieren, die zuvor schon in Friedberg, Bad Nauheim und Butzbach Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht hat. In Gießen haben es die Rechtsextremen mit den meisten Gegendemonstranten zu tun, was wohl auch am symbolträchtigen Ort liegt. Der führt mitunter aber auch zu skurrilen Szenen: Durch die demonstrierende Menge laufen immer wieder kleine Grüppchen irritierter Flüchtlinge. Statt Fahnen mit »Refugees Welcome« tragen sie vollgepackte Einkaufstüten in den Händen. Auch die weit über 50 Polizisten wirken auf den ein oder anderen Flüchtling einschüchternd. Einige schließen sich aber trotzdem der Demo an. Zum Beispiel der 21-jährige Youseff, der aus Syrien geflohen ist. »Es ist gut, dass die Deutschen zu uns stehen. Vielen Dank Deutschland«, sagt er auf Englisch. Er steht mit einigen Freunden an der Bushaltestelle, an der sich die Mitglieder des DGB getroffen haben. Sie wollen zur HEAE ziehen und sich dort mit den anderen Demonstranten vereinen. Die Stimmung ist gut, Kinder huschen durch die Erwachsenenbeine, aus den Lautsprechern ertönt die linke Kultband Rage against the Machine.

+++ Mehr Fotos vom Demo-Mittwoch in der Bildergalerie

Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Als er an der HEAE ankommt, ist von der NPD noch nichts zu sehen. Kommen die Rechtsextremen überhaupt? Erste Zweifel machen die Runde. DGB-Regionsgeschäftsführer Matthias Körner schnappt sich das Mikro. »Wir sind nicht umsonst gekommen. Wir müssen immer wieder zeigen, dass Gießen kein Ort für Nazis ist.« Anschließend ergreift Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich das Wort: »Als Stadt sind wir eigentlich zur Neutralität verpflichtet, aber in Sachen Menschenrechte gibt es keine Neutralität.«

Plötzlich wird es hektisch – und laut: Das gellende Pfeifkonzert ertönt, als der NPD-Truck vor der Sophie-Scholl-Schule parkt. Während die Musik läuft, bauen die Rechtsextremen das Mikrofon auf. Nur der Krebsbach und eine Reihe Polizisten trennen sie von der wütenden Menge. Als ein hagerer Mann seine Rede beginnen will, setzt ohrenbetäubender Lärm ein. Trillerpfeifen, Megafone und wüste Beleidigungen sorgen dafür, dass man den NPDler kaum versteht. Nur einzelne Satzfetzen dringen auf die andere Seite: »Wirtschaftsflüchtlinge« – »Junge Männer« – »Frauen belästigt« – »Schnauze voll«. Von der anschließenden Rede des Bundesvorsitzenden ist noch weniger zu hören.



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Artikel vom 23.09.2015 - 21.59 Uhr
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Leserkommentare
(24.09.2015 18:33)
_Lisa_
Danke...
an allen die an der Gegendemo teilgenommen haben !
Ich bin echt stolz auf Giessen,
wir sind überregional dafür bekannt das Rechte bei uns keine Fuss fassen!
Die Demo ist super gelaufen !
(24.09.2015 16:36)
kolter
"National"
verbinde ich mit Heimat, Zugehörigkeitsgefühl, vielleicht auch mit Sicherheit. Keinesfalls damit, "besser" zu sein als andere Nationen. Naja, vielleicht im Fußball :-).
Allerdings gibt es momentan eine Menge Deutscher, die sich tatsächlich den Nachbarn überlegen fühlen (Stichwort: Hurrahumanismus). Damit gehen sie gerade allen auf die Nerven, und auch das macht mir Sorgen.
(24.09.2015 15:29)
marty_Gi
was ist "national"?
Was soll das sein, "national?"
Nichts anderes als eine Verwaltungseinheit, in einer bestimmten Groesse. Dei von der Familie, ueber die Gemeinde, den Kreis, das Bundesland (oder aehnliche Konstrukte) bis zur "Nation" gehen. Und eben das Miteinander auf entsprechenden Ebenen verwalten.
Sonst nichts.
Alles andere ist ideologischer Bloedsinn derer, die meinen aufgrund ihres Geburtsortes etwas besseres oder besonderes zu sein. Und daraus entstehen eher die "Fluechtlingskrisen" als aus der Erkenntnis, das wir alle nur Menschen auf ein und demselben Planeten sind.
(24.09.2015 14:07)
kolter
@marty_Gi
Für Ihre Abneigung gegen die NPD habe ich Verständnis, mit Ihrer Definition von "national" stehen sie allerdings im internationalen Maßstab alleine da.
Das scheint ein exklusiv deutsches Phänomen zu sein und wird später wahrscheinlich als eine der Ursachen für die gegenwärtige und (fast) isoliert in Deutschland auftretende "Flüchtlingskrise" herangezogen werden.
(24.09.2015 13:39)
EinSchwätzer
Sophie Scholl Schule
Zitat: "...mit dem die rechtsextreme Partei soeben auf den Parkplatz der Sophie-Scholl-Schule vorgefahren ist."
Da frage ich mich, wieso die Sophie-Scholl-Schule so etwas zulässt. Schmückt sie sich nur mit ihrem prominenten Namen, oder steht sie auch inhaltlich hinter ihrer Namensgeberin!?
(24.09.2015 10:47)
marty_Gi
Beleidigungen???
"Als ein hagerer Mann seine Rede beginnen will, setzt ohrenbetäubender Lärm ein. Trillerpfeifen, Megafone und wüste Beleidigungen sorgen dafür, dass man den NPDler kaum versteht"
NPD-ler kann man nicht beleidigen. Das waren allerhoechstens wueste Beschimpfungen, und die voellig zu Recht. Und das ist dann kaum beleidigend. Allein schon im Dunstkreis dieser "Partei" zu sein reicht, um als nicht sonderlich intelligent dazustehen. Denn schliesslich ist "national", wie im Parteinamen, ja schon die erste kleingeistige Dummheit.
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