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Kein verstärktes Eingreifen in Familien

Artikel vom 17.06.2009 - 23.10 Uhr

Kein verstärktes Eingreifen in Familien

Gießen (kw). Deutsche Jugendämter und Familiengerichte greifen immer häufiger in Familien ein. In Gießen ist dieser Trend so nicht erkennbar, erfuhr die AZ auf Nachfrage bei der Stadt und beim Amtsgericht.
Gießen (kw). Deutsche Jugendämter und Familiengerichte greifen immer häufiger in Familien ein. Sie seien wohl auch durch die Medienberichte über Kindstötungen vorsichtiger geworden, hieß es diese Woche in einem Bericht der »Süddeutschen Zeitung«. Belegt wurde das unter anderem mit Zahlen aus Hessen: Hier ist die Zahl der Sorgerechtsentzüge und Inobhutnahmen im vergangenen Jahr jeweils beinahe um ein Drittel gestiegen, teilte das Statistische Landesamt am Montag mit. In Gießen ist dieser Trend so nicht erkennbar, erfuhr die AZ auf Nachfrage bei der Stadt und beim Amtsgericht. Das Jugendamt der Stadt reagiere von jeher sensibel, wenn es von möglicher Gefährdung des Kindeswohls erfahre, sagte Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich.

Zwar sei die Zahl derjenigen jungen Gießener, die sogenannte »Hilfen zur Erziehung« in Anspruch nehmen, in letzter Zeit wieder gestiegen, erläuterte die Jugenddezernentin. Das Spektrum reicht von Besuchen in der Familie über den pädagogisch begründeten Kindertagesstättenplatz bis zur Heimunterbringung. Doch zum einen geschehe das nur selten gegen den Willen und in der Regel auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern, betont die Grünen-Politikerin. Und zum anderen lag die Zahl vor fünf Jahren schon einmal fast genauso hoch.

Im August 2004 waren es 725 Kinder, Jugendliche oder junge Volljährige, die auf Veranlassung des Jugendamts ambulant oder stationär betreut wurden. Ende 2008 wurde mit 732 Betroffenen ein neuer »Rekord« erreicht. Dazwischen jedoch war die Lage entspannter: 579 Erziehungshilfe-Fälle im Juli 2006 markieren den Tiefststand der letzten Jahre. 1998 freilich erhielten nur rund 400 Kinder und Jugendliche solche Unterstützung - obwohl damals noch etwa 13 200 Minderjährige in Gießen lebten, heute sind es etwa 11 000.

Bei der Zahl der Sorgerechtsentzüge gab es in den letzten Jahren keine klare Tendenz, sondern ein heftiges Auf und Ab. So hat das Familiengericht im Jahr 2008 in 13 Verfahren auf Antrag des Jugendamts den Eltern das Sorgerecht ganz oder teilweise entzogen. 2007 geschah das 23-mal, 2006 gab es acht Fälle, 2005 zwölf. In solch einem Verfahren sind oft mehrere Kinder betroffen.

Warum seine Behörde keine stetige Steigerung der Zahlen verzeichnet, begründet Jugendamtsleiter Andreas Prinz vor allem so: »Viele Kolleginnen und Kollegen in unserem Allgemeinen Sozialen Dienst sind schon sehr, sehr lange dabei.« So hätten etliche schon zu einer Zeit im Jugendamt gearbeitet, in der dieses sich vor allem als Eingriffsbehörde verstand. Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz rückte 1990 die Dienstleistungsorientierung in den Vordergrund. Die Mitarbeiter in Gießen hätten diesen »Paradigmenwechsel« natürlich mit vollzogen, jedoch ihre Erfahrungen bewahrt. Wenn Schulen, Kindergärten, Nachbarn oder Ärzte den Verdacht auf eine Gefährdung des Kindeswohls melden, werde dem immer nachgegangen - auch wenn sich in den allermeisten Fällen herausstelle, dass kein Anlass zum Eingreifen bestehe. 68 solcher Meldungen gab es im vergangenen Jahr, 2007 waren es 72.

Skepsis gegenüber dem »Kinderschutzgesetz«



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Artikel vom 17.06.2009 - 23.10 Uhr
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