Zu seinem Jahresempfang in der Johanneskirche konnte das Evangelische Dekanat Gießen am Vorabend des Reformationstags 150 Menschen aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft begrüßen.
Zum Jahresempfang in der Johanneskirche begrüßten der Vorsitzende des Dekanatssynodenvorstands Gerhard Schulze-Velmede (l.) und Dekan Frank-Tilo Becher (r.). Der Schulleiter der Liebigschule, Dr. Carsten Scherließ, sprach zum Thema »Lachen und Lernen. (Foto: srs
Gießen (srs). Die Kirchenbänke im südöstlichen Seitenschiff waren beiseite gerückt. In Plausch vertieft standen die Gäste an Tischen, bissen in Melonenspalten und nippten an Wein. Über den Köpfen tanzten Kerzenschein und Lichter auf der gewölbten Decke, während die sanften Klänge zweier Musiker durch den Kirchenraum drangen. Das Evangelische Dekanat begrüßte am Freitag - am Vorabend des Reformationstags - 150 Menschen aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Jahresempfang in der Johanneskirche. Am späten Abend sprach in einem Vortrag der Leiter der Liebigschule, Dr. Carsten Scherließ, über den engen Zusammenhang von »Lernen und Lachen«. Scherließ forderte außerdem einen höheren Stellenwert für das Schulfach Religion ein. Dass an Gießener Schulen Religions- sowie Ethikunterricht und damit die Vermittlung von Werten bisweilen in den Hintergrund rücken oder gar gestrichen werden, sei »frustrierend««.
Mit der Vernachlässigung des Religionsunterrichts werde eine Chance verpasst, betonte Scherließ. In dem Fach vermittelte »Moralvorstellungen, Haltungen und Werte bilden ein Fundament«« in Erziehung und Bildung. Der auch als Religionslehrer und Prädikant tätige Schulleiter fügte hinzu: »Es ist wichtig, dass die Kirche in Bildungsfragen weiter Stellung bezieht.««
Als »zentrale Bestandteile von Schule«« hob Scherließ zum einen das Lachen und zum anderen das Erlernen von Wissen, sozialen Fähigkeiten und Methodik hervor. »Wenn eines von beiden nicht gelingt, stimmt was nicht.« In einem solchen Fall sollen seine Schüler sich an ihre Eltern und Lehrer wenden, habe er im August den neuen Fünftklässlern der Liebigschule auf den Weg gegeben.
»Wie ist nun Lachen und Lernen im Einklang zu erreichen?««, fragte Scherließ. Eine Antwort darauf liefere eine kürzlich veröffentlichte Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. 37 000 Mitarbeiter von Betrieben in zwölf verschiedenen Branchen waren im Rahmen der Untersuchung befragt worden, wann sie gerne und erfolgreich arbeiten. Als wichtigste Faktoren, berichtete Scherließ, seien Teamgeist, Zugehörigkeitsgefühl sowie Interesse der Unternehmensführung am Mitarbeiter genannt worden. Dieser Befund, den der Schulleiter eingängig als »TZI-Modell« zusammenfasste, finde unterdessen längst Anwendung in der Fernsehserie und Hörspielreihe »Bob der Baumeister«. Scherließ berichtete von seinem dreijährigen Sohn, der gemeinsam mit seinen Sandkastenfreunden die wichtigsten Sätze der Serie verinnerlicht habe: »Jo, wir schaffen das«, »Das habt ihr prima gemacht« und »Ich hab doch gewusst, dass du es schaffst.« Der Klarheit der Ausführungen war es zu verdanken, dass die Gäste den spät nach Eröffnung eines Büffets angesetzten Vortrag aufmerksam verfolgten.
Zu dem Empfang in der Johanneskirche am Vorabend des Reformationstags begrüßte eingangs Dekan Frank-Tilo Becher. Miteinander ins Gespräch zu kommen sei das Ziel des Abends. Und auch das Reformationsfest feiere die Sprache. So habe Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung verständliche Worte für die christliche Verheißungsbotschaft gesucht, die selbst die Sprache der Liebe trage. »Schöne Verheißungen laden ein zum Feiern«, erklärte Becher, der gleichzeitig auf eine »Differenz zwischen der Verheißung in der Bibel und der Wirklichkeit« hinwies. Die Kirche sei daher gefordert, »protestantisch und diakonisch zu wirken«, das heißt gegen gesellschaftliche Missstände Einspruch zu erheben sowie Menschen zu dienen, »die an der Differenz zwischen Verheißung und Wirklichkeit zu leiden haben.«
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