Gießen (kw). In den letzten Jahren war die statistische Wanderungsbewegung bei den Kleinkindern in Gießen stets negativ. Das heißt: Viele Familien mit kleinen Kindern zogen aus der Stadt weg, kaum welche kamen neu hinzu. Im vergangenen Jahr war es erstmals umgekehrt. Das könnte eine Trendwende sein, die den Neubaugebieten - aktuell namentlich dem am Schlangenzahl - zu verdanken sei.
Das sagte Jugendhilfeplanerin Gabi Keiner vor dem Jugendhilfeausschuss in ihrem Bericht über den Ausbau der Betreuungsplätze für Kleinkinder. Dieser ging 2009 nicht ganz so rasant voran wie geplant. In mehreren Kindertagesstätten verzögerte sich die Einrichtung von Krabbelgruppen.
Statt 94 wurden im vergangenen Jahr 70 neue Plätze geschaffen, so Keiner. Aus unterschiedlichen Gründen dauere der An- oder Umbau an mehreren Stellen länger als vorgesehen. Dennoch liege die Stadt Gießen weit vor dem Landesdurchschnitt mit ihrer aktuellen »U3«-Quote: Knapp 28 Prozent aller rund 1870 Gießener bis drei Jahre können in Einrichtungen oder bei Tagesmüttern betreut werden. 108 neue Plätze sollen in diesem Jahr hinzukommen, verteilt auf fast 20 Einrichtungen. Der derzeitige Ausbau sei vor allem den größeren freien Trägern zu verdanken, erklärte Keiner.
Ab 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch für die Betreuung auch von Kindern zwischen einem und drei Jahren. Einen Versorgungsgrad von 37 Prozent - das bedeutet 173 Plätze mehr als jetzt - will die Stadt bis dahin erreichen, gestaffelt nach Alter. Den Bedarf schätzt das Jugendamt bei den Kindern bis zum ersten Geburtstag auf 10 Prozent, für Ein- bis Zweijährige auf 40, für Zwei- bis Dreijährige auf 60 Prozent. Demnach fehlen derzeit 18 Plätze für die Kleinsten, 81 für Kinder ab zwei und 74 für diejenigen ab drei Jahre.
Ob die angestrebten 37 Prozent ausreichen, müsse im nächsten Jahr neu überdacht werden, betonte die Jugendhilfeplanerin. Steigen könne der Bedarf insbesondere bei den Einjährigen: Viele Mütter und Väter brauchen Betreuung, wenn nach zwölf bis vierzehn Monaten die Elterngeld-Zahlungen auslaufen. Unklar sei insbesondere, wie viele Plätzen für Kinder unter einem Jahr gebraucht werden. Nur fünf Gießener Kitas bieten bisher Betreuung für sie. Der Rechtsanspruch gilt für diese Altersgruppe noch nicht; die Stadt will sich dennoch bemühen, den Bedarf zu decken.
Besonders dringlich sei der Handlungsbedarf derzeit in Lützellinden, wo es bisher keinen einzigen Betreuungsplatz für die derzeit 74 Null- bis Dreijährigen gibt. Die Stadt hoffe auf die baldige Einrichtung einer Krabbelgruppe im Dorf oder möglicherweise am Supermarkt in Kleinlinden, der für die südöstlichen Stadtteile zentral liegt. Auch in den Dörfern steige der Bedarf an Kleinkindbetreuung; in Allendorf werde das neue Angebot rege genutzt.