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Ist Alzheimer Alterserscheinung oder Krankheit?

Artikel vom 04.03.2010 - 10.00 Uhr

Ist Alzheimer Alterserscheinung oder Krankheit?

Gießen (if). »Ist Alzheimer eine Krankheit?«, lautete eher rhetorisch der Titel eines unübersehbar an der Front des Uni-Hauptgebäudes in der Ludwigstraße angekündigten »Spiegel-Gesprächs« zwischen dem Gießener Soziologen Prof. Reimer Gronemeyer und dem Frankfurter Gerontopsychiater Prof. Johannes Pantel.
Der Gießener Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer (l.) und der Frankfurter Gerontopsychiater Prof. Joahnnes Pantel diskutierten vor
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Der Gießener Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer (l.) und der Frankfurter Gerontopsychiater Prof. Joahnnes Pantel diskutierten vor einem großen und interessierten Publikum in der Uni-Aula. Moderiert wurde der Abend von der »Spiegel«-Redakteurin Annette Bruhns. (Foto: fm)
Moderiert von der Spiegel-Redakteurin Annette Bruhns, loteten Gronemeyer - Autor des Buches »Ist Altern eine Krankheit? - Wie wir die gesellschaftlichen Herausforderungen der Demenz bewältigen«, und Pantel, der den Bestseller »Geistig fit in jedem Alter« schrieb, Aspekte und Fragestellungen des Themas aus.

Nach Ende des Zwiegesprächs hätte man den Titel der Veranstaltung zutreffender mit »Ist Alzheimer nur eine Krankheit?« überschreiben und dann mit einem »Nein - das geht uns alle an« beantworten können. Dass die Frage angesichts ihrer Komplexheit interdisziplinär angegangen werden müsse, prädestiniere die Justus-Liebig-Universität als Gastgeber, hatte JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherhjee mit dem Hinweis auf Robert Sommer - der als Psychiater bekanntlich Gießen »zur Wiege der Psychologie« gemacht habe - bereits in seiner einleitenden Begrüßung bemerkt.

Gronemeyer betonte in seiner ersten kritischen Stellungnahme, von dem Phänomen Demenz könne über kurz oder lang ein jeder unter uns betroffen sein. Bei der Frage, wie damit umzugehen sei, müsse man auch die soziale Seite berücksichtigen. Dieser Gesichtspunkt sei indes bisher zugunsten medizinischer und pflegerischer Aspekte vernachlässigt worden. Die Phase der Verwirrtheit beispielsweise - man ist ein bisschen »tütelig« - habe eher mit einem selbstständigen »Alterungsprozess« zu tun, begünstige aber die Tendenz, Alzheimer und damit Demenz in eine »medizinische Ecke« zu verschieben.

Er, so entgegnete der renommierte Gerontopsychiater und Leiter der Frankfurter Gedächtnisambulanz Pantel, werde immer wieder von seinen ratlosen Patienten gefragt. »Bin ich krank?« und »Ist das normal?« Seine Antwort laute dann: »Alzheimer ist eine Krankheit.« »Aber wie kann man voller Plaques - den bei Alzheimer als ursächlich betrachteten krankhaften Eiweißablagerungen im Gehirn - sein und dennoch mit 96 noch voll im Leben stehen?«, gab Gronemeyer unter Bezug auf den erstaunlichen Fall einer Nonne zu bedenken, der jüngst Aufsehen erregte. Für Pantel gibt es dafür eine durchaus einleuchtende Erklärung: auch bei Demenz verbleiben noch gesunde Areale im Gehirn, die imstande sind, bestimmte Ausfallerscheinungen zu kompensieren. Im erwähnten Falle, so mutmaßte er, war wohl ein hohes Maß solcher Kompensationsreserven vorhanden, die krankhafte Veränderungen durchaus ausbalancieren können.

Mit einer solchen medizinischen Deutung werde die »soziale Seite« des Phänomens übersehen, warf Gronemeyer, Vorsitzender des Vereins »Aktion Demenz«, ein: Hänge deren Verlauf nicht auch von der sozialen Einbindung ab, beispielsweise von der zunehmenden Vereinsamung alter Menschen? Wie erkläre sich beispielsweise die »Beschleunigung« - wenn zwei von zehn in der Mehrzahl noch allein lebender Achtzigjähriger, aber dann bereits die Hälfte aller Neunzigjährigen betroffen seien? Sein vor zwei Jahren gegründeter, von der Bosch-Stiftung geförderter Verein will »die Stimme von Menschen mit Demenz hörbar machen«, ihnen Teilhabe am Leben ermöglichen, Türen öffnen und zugleich das Thema »Demenz« aus der Verdrängung holen und seines Tabus entkleiden. Die Öffentlichkeit, namentlich die Politiker, sollen sensibilisiert und zum Handeln bewogen werden: »Menschen mit Demenz sind nicht hilfs-und pflegebedürftige Kranke, sondern Bürgerinnen und Bürger dieses Staates und unserer Kommunen - so wie wir auch.«

Eine der Fragen, die abschließend aus dem aufmerksam folgenden Auditorium an die Gesprächspartner auf dem Podium gerichtet waren, betraf die Möglichkeit einer vorbeugenden Lebensführung. Es gebe Hinweise darauf, aber eben bisher nur bei Ratten, lautete die Antwort von Prof. Pantel. Und was »Alzheimer«-Medikamente angehe: die weltweit größten Pharmaunternehmen forschten an rund 25 neuen Substanzen - doch könnten noch Jahre vergehen, bis sie, falls erfolgversprechend, auf den Markt kommen. Zugelassen sind derzeit vier Medikamente. Der Effekt, so bisherige Erkenntnisse, ist offenbar nicht sehr groß, kann aber in Einzelfällen durchaus erheblich sein. So jedenfalls Befunde des Instituts für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen, die Prof. Pantel erwähnte.

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Artikel vom 04.03.2010 - 10.00 Uhr
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