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Interesse an Stolpersteinen ist ungebrochen

Artikel vom 15.10.2009 - 21.56 Uhr

Interesse an Stolpersteinen ist ungebrochen

Gießen (mö). Das Interesse an dem Gedenkprojekt Stolpersteine des Kölner Aktionskünstlers Gunter Demnig ist in Gießen ungebrochen. Am kommenden Donnerstagvormittag werden zum dritten Mal die mit einer Messingplatte versehenen Steine verlegt, und zwar an insgesamt zehn Orten in Gießen und Wieseck.
Seit April gibt es sie auch in Gießen: In der Neuen Bäue erinnern diese Steine zum Beispiel ans Schicksal der Bankiersfamilie He
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Seit April gibt es sie auch in Gießen: In der Neuen Bäue erinnern diese Steine zum Beispiel ans Schicksal der Bankiersfamilie Herz. (Foto: Schepp)
Mit den 25 neuen Stolpersteinen wird erneut an die hiesigen Opfer der Naziherrschaft erinnert. Die Gießener Projektgruppe hat in den letzten Monaten in akribischer Kleinarbeit insgesamt 25 weitere Schicksale recherchiert. Zu den Paten, die die jeweils 95 Euro teure Verlegung finanzieren, gehören neben Privatpersonen auch Institutionen wie die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Universitätsbibliothek, die Aliceschule, die Licher Chambré-Stiftung, die Wiesecker Michaelsgemeinde und die Wiesecker SPD.

Im Haus der Pankratiusgemeinde informierten gestern Mitglieder der Projektgruppe, Klaus Weißgerber, Christel Buseck, Monika Graulich und Ursula Schroeter, über die dritte Verlegung. Wird sie abgeschlossen sein, werden in Gießen, Wieseck und Kleinlinden an 29 Orten 72 Stolpersteine liegen. Die historischen Fakten für den dritten Durchgang wurden allesamt von der Projektgruppe, zu der auch Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake gehörte, zusammengetragen. Neben dem Stadtarchiv waren das Staatsarchiv in Darmstadt, das Bundesarchiv in Koblenz und die Datenbank der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Anlaufstellen für die Forscher.

Mit der Pädagogin Hedwig Burgheim, nach der auch der von der Stadt Gießen verliehene Preis benannt ist, kommt bei dieser Verlegung das wohl bekannteste Gießener Holocaust-Opfer zu Ehren. Den Stein, der vor der Adresse Gartenstraße 30 verlegt wird, hat die Aliceschule gestiftet.


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Ein Schwerpunkt der Verlegung wird der Stadtteil Wieseck sein, der früher eine eigenständige jüdische Gemeinde beherbergte. In der Gießener Straße, der Kirchstraße und der Karl-Benner-Straße werden insgesamt sieben Steine verlegt, darunter jene für den Kaufmann Meier Grünewald und dessen Frau Settchen, deren letzte freigewählte Adresse das Haus Karl-Benner-Straße 3 war, das auch die Synagoge beherbergte, die in der Pogromnacht im November 1938 vom Nazi-Mob verwüstet wurde.

Ein besonderes Kapitel betrifft die Familie Sander, der mit drei Stolpersteinen in der Landgrafenstraße gedacht wird. Familienoberhaupt war der Rabbiner Dr. David Sander, dessen Privatbibliothek erst kürzlich in den Beständen der Universitätsbibliothek aufgefunden worden war und der auf dem jüdischen Teil des Neuen Friedhofs begraben liegt. Die Familie bewohnte eine repräsentative Villa an der Ecke Landgrafenstraße/Ostanlage, die im Krieg zerstört wurde. Aus der Familie kam Berta Sander in Treblinka um, andere überlebten. Mit Johanna Sander, Flora Michaelis geb. Sander sowie Ruth Edith Chambré und Louise Kamins-Cher geb. Elshoffer erhalten erstmals Nazi-Opfer einen Stolperstein, die den Holocaust überlebten oder sich der Ermordung durch Flucht entzogen.

Die Aufnahme solcher Biografien in das Projekt sei von Demnig ausdrücklich erwünscht, erläuterte die Projektgruppe. Auch bleiben die Stolpersteine keineswegs nur auf Juden beschränkt. Mit Elise Reitz geb. Schmidt, die zuletzt in der Krofdorfer Straße gelebt hatte, wird ein weiteres Euthanasieopfer geehrt.

Die vierfache Mutter hatte psychische Probleme und war von den Behörden zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt an der Licher Straße gebracht worden. Im April 1941 wurde sie schließlich in Hadamar vergast. Die Familie indes erhielt die Nachricht, sie sei einer »Kreislaufschwäche« erlegen. Die ganze Wahrheit fanden die Enkel von Elise Reitz erst jetzt heraus.

Wie die Mitglieder der Projektgruppe ankündigten, könne es aus Zeitgründen zu den einzelnen Verlegungen diesmal keine Andachten geben, weil Verleger Demnig am gleichen Tag auch noch in Wetzlar aktiv sein wird. Angesichts von über 20 000 Steinen, die der Kölner in Deutschland und dem benachbarten Ausland mittlerweile verlegt habe, sei es verständlich, dass eine gewisse Logistik eingehalten werden müsse. Die Wiesecker Michaelsgemeinde werde daher später am Tag eine kleine Gedenkveranstaltung durchführen.

Aus Sicht von Monika Graulich ist es bedauerlich, dass in der Kernstadt von Gießen Wohnhäuser von Opfern kaum noch vorhanden seien. Teilweise gebe es an den historischen Orten überhaupt keine Bebauung mehr. Aus Sicht der Gruppe ist es wünschenswert, Stolpersteine künfig nicht mehr, wie vereinzelt bereits geschehen, »vor leeren Plätzen« zu verlegen.

Die Verlegung am 22. Oktober soll pünktlich um 9 Uhr in der Landgrafenstraße beginnen und endet ab 11 Uhr mit der Wiesecker Serie. Der Stein für Hedwig Burgheim soll gegen 10.10 Uhr in der Gartenstraße 30 gesetzt werden. Weitere Verlegeorte sind die Weidengasse und der Neuenweg.

Internet: www.stolpersteine-giessen.de

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Artikel vom 15.10.2009 - 21.56 Uhr
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