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In Krankenhäusern Defizite bei Begleitung Sterbender

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Artikel vom 09.10.2013 - 09.00 Uhr

In Krankenhäusern Defizite bei Begleitung Sterbender

Gießen (cg). Bei der Begleitung Sterbender gibt es in deutschen Krankenhäusern große Defizite. Dies geht aus der zweiten »Gießener Sterbestudie« hervor, die Prof. Wolfgang George (Leiter des TransMit-Zentrums für Versorgungsforschung) am Dienstag vorgestellt hat.

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Viktor R. Szymczak, Prof. Wirth und Prof. George (v. l.) stellten die Sterbestudie und das Begleitbuch vor. (Foto: Schepp)
61 Prozent der befragten Ärzte und Pflegekräfte gaben an, »deutlich bzw. sehr viel mehr Zeit« für die Patienten zu benötigen, als sie derzeit haben. Bereits 1988 hatte der Psychologe eine ähnliche Erhebung veröffentlicht – mit niederschmetternden Ergebnissen: 70 Prozent der Befragten hatten damals gesagt, in Krankenhäusern und Kliniken werde die Menschenwürde Sterbender nicht gewahrt. Heute sehe es besser, aber nicht viel besser aus, erklärte George. Er plädierte für eine »nachhaltige Medizin«. Die müsse eine bessere Ausbildung des Personals, eine Verbesserung der zeitlichen und räumlichen Bedingungen sowie eine verstärkte Einbeziehung der Angehörigen beinhalten.

Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause in vertrauter Umgebung zu sterben. Die Realität sieht jedoch anders aus: 50 Prozent sterben heute in Pflegeheimen, etwa 40 Prozent in Krankenhäusern. Prof. George: »Es ist der Regelfall, in stationären Einrichtungen zu sterben, deshalb sollte man sich auf die Verbesserung der Konditionen konzentrieren«. Der Trend zur Verstädterung, das »Zerbröseln der Familienstrukturen« und die demografische Entwicklung sorgten dafür, dass sich der aktuelle Zustand manifestiere. Die Hospizbewegung, die zu Recht hohes Ansehen genieße, spiele bei der Betrachtung kaum eine Rolle, denn weniger als fünf Prozent der Sterbenden erlebten ihr Lebensende in einem Hospiz.

An der neuen Studie beteiligten sich 1500 Pflegekräfte und 300 Ärzte aus insgesamt 212 Krankenhäusern, darunter rund 20 hessische. Im Zentrum standen dabei die Intensiv- und die Allgemeinen Stationen sowie die Onkologie. Grundsätzlich könne man Qualitätsunterschiede nicht an der Art des Trägers festmachen, ein Trend sei jedoch, dass in Häusern kommunaler oder kirchlicher Träger die besseren räumlichen Bedingungen vorherrschten und ein respektvollerer Umgang mit den Patienten festzustellen sei, während in den großen Kliniken der Maximalversorgung das zu geringe Ausmaß der ärztlichen Betreuung und unnötige lebensverlängernde Maßnahmen stärker problematisiert wurden. (Knapp die Hälfte aller Befragten gaben übrigens an, sie seien der Ansicht, dass unnötig lebensverlängernde Maßnahmen oft ergriffen werden). Die Ressourcen seien auf Allgemeinstationen am stärksten begrenzt und im onkologischen Bereich am besten. Entscheidend für die Beurteilungen seien jedoch nicht die Träger, sondern die einzelnen Stationen, betonte George.

Erschreckend sei, so der Psychologe, dass sich Ärzte und Pfleger nur unzureichend auf die Begleitung Sterbender vorbereitet sehen, hier müssten in der Ausbildung neue Schwerpunkte gesetzt werden. »Wir haben ein Umsetzungs- und kein Erkenntnisproblem«, fasste George das Ergebnis der Studie zusammen: »Wir wissen, was falsch läuft, aber es fühlte sich bisher keiner in der Lage, Grundlegendes zu ändern«.

Kongress am Wochenende

Erste Schritte dazu sollen mit dem Buch »Sterben im Krankenhaus« gemacht werden, das George gemeinsam mit Eckhard Dommer und Viktor R. Szymczak herausgegeben hat. Erschienen ist es im Gießener Psychosozial-Verlag. Dessen Inhaber, Prof. Jürgen Wirth, hob die Bedeutung des Themas Sterbebegleitung hervor und wies auf die Notwendigkeit des Dialogs von Ärzten, Patienten und Angehörigen hin. Am Wochenende werden die Studie und das Buch im Mittelpunkt einer Tagung in der Aula der Universität stehen, zu der Fachleute aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch Auszubildende und Studierende erwartet werden.

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Artikel vom 09.10.2013 - 09.00 Uhr
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