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Immer mehr Senioren von Verwahrlosung bedroht

Artikel vom 19.03.2010 - 11.00 Uhr

Immer mehr Senioren von Verwahrlosung bedroht

Gießen (cg). Mit einer extremen Zunahme von verwahrlosten Senioren rechnet die Beratungsstelle für ältere Menschen in den nächsten Jahren. Das berichtete Beko-Leiterin Andrea Kramer am Donnerstag während eines Pressegesprächs.
Der Einsatz präventiver Maßnahmen sei dringend erforderlich, es sei jedoch jetzt schon abzusehen, dass dieses Problem mit hohen Kosten für die Kommunen verbunden sei. Hintergrund dieser Prognose ist die steigende Zahl von Senioren, die isoliert in »zugemüllten« Wohnungen leben und nicht mehr in der Lage sind, sich selbst angemessen zu versorgen. Öffentlich wird das Schicksal dieser Menschen oft erst dann, wenn sich Nachbarn belästigt fühlen - beispielsweise durch Gerüche oder den Zustand des Hauses bzw. Grundstücks. Ursachen sind häufig Einsamkeit, psychische Erkrankungen und soziale Ängste. Kramer: Viele alte Menschen leiden an Depressionen, das wird in der Öffentlichkeit unterschätzt und noch viel zu wenig wahrgenommen.

Bei einer Umfrage unter Hilfsdiensten wie Essen auf Rädern, Hausnotruf oder Pflegediensten, die in ihrem Alltag in die Wohnungen älterer Menschen kommen, ergaben sich nur bedingt aussagekräftige Zahlen, da der Rücklauf der zugeschickten Fragebögen gering war. Insgesamt gehen Experten von einer sehr hohen Dunkelziffer aus, denn zu den Merkmalen des Phänomens der Verwahrlosung gehört es, dass die Betroffenen kaum noch jemanden in ihre Wohnung lassen - und jemanden, der nach Behörde oder »irgendwie offiziell« aussieht schon gar nicht. Eine Zunahme der Fälle wird aber nicht nur vermutet, sondern von Fachstellen wie dem sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes bestätgt. Auch Polizei und Ordnungsamt werden mit diesen Schicksalen konfrontiert.

Eine Intervention ist deshalb so schwierig, weil die Betroffenen keine Hilfe annehmen und in einer Verweigerungshaltung verharren. Oft leben die alten Menschen in ihrer verschmutzten Wohnung, sie versorgen weder sich noch ihre Haustiere, sie öffnen die Post nicht mehr und begleichen keine Rechnungen, das Chaos um sie herum wird immer unüberschaubarer - und doch lehnen sie jede Einmischung ab. Die angebotene Hilfe wird als Angriff einer feindlich gesonnenen Außenwelt empfunden.

Die Beko werde, schildert Kramer, erst dann eingeschaltet, wenn die Situaion für das soziale Umfeld nicht mehr tragbar sei und sich zugespitzt habe. Es gebe keine einheitlich zu benennende Vorgehensweise, da jede Situation und die zugrunde liegenden Ursachen individuell unterschiedlich seien. Gegen den Willen der Betroffenen könne man nur reagieren, wenn beispielsweise eine Gesundheitsgefährdung vorliege oder die finanziellen Angelegenheiten gar nicht mehr geregelt würden.

Maßgeblich für das Vorgehen sei auch das Alter des Betroffenen, erklärte die Beko-Leiterin. »Ziel ist es, dass alte Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können«. Möglich sei dies in der Regel nur mit einem großen personellen Aufwand. Geschulte Hilfskräfte könnten mit einem behutsamen, konstanten Beziehungsaufbau dafür sorgen, dass der Betroffene sich helfen lässt. »Mit Drohungen und Druck kommt man nicht weiter«, weiß Kramer. Die Beko-Mitarbeiterinnen können eine solche zeitintensive Betreuung bei ihren Hausbesuchen nicht leisten. Wünschenswert wäre aus Sicht der Beko die Schaffung einer Koordinierungsstelle, die sich gezielt um Hilfen für verwahrloste Senioren kümmert, denn bisher sei auch bei Fachdiensten die Unsicherheit und Hilflosigkeit sehr groß.



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Artikel vom 19.03.2010 - 11.00 Uhr
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