Sie sind hier: Startseite » Stadt » Übersicht »

Hitler-Tagebücher: Neun Millionen Mark für eine Luftnummer

  Anzeige

Artikel vom 28.10.2013 - 10.41 Uhr

Hitler-Tagebücher: Neun Millionen Mark für eine Luftnummer

Gießen (hin). Im April 1983 lieferte der »Stern« eine vermeintliche Sensation. Sein Reporter Gerd Heidemann hatte Tagebücher von Adolf Hitler entdeckt, an deren Echtheit er nicht zweifelte und deren Veröffentlichung der ganz große Wurf werden sollte. Aber der Schuss ging nach hinten los. Die Tagebücher waren gefälscht.

_20131025HitlerTagebuecher00
Lupe - Artikelbild vergrössern
Michael Seufert hat die Stern-Affäre in einem Buch aufgearbeitet. (Foto: hin)
Das Magazin wurde weltweit zur Lachnummer für Karikaturisten und Kabarettisten, wie Prof. Ulrike Weckel an einigen Beispielen eindrucksvoll erläuterte.

Die Historikerin hatte zum ersten Alumni-Treffen des Fachbereichs Fachjournalistik Geschichte der Justus-Liebig-Universität eingeladen und dies mit einer hochkarätig besetzten Auftaktveranstaltung am Freitagabend im Konzertsaal des Rathauses verbunden. Michael Seufert – langjähriger Mitarbeiter des »Stern«, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur, – berichtete von der Aufklärung der für die Hamburger Wochenzeitschrift so peinlichen Affäre. Ihm zur Seite saßen bei einer anschließenden Podiumsdiskussion Dieter Wild (langjähriger Politikredakteur des »Spiegel« und stellvertretender Chefredakteur), Axel Schildt (Forschungsstelle für Zeitgeschichte), Silke Burmester (freie Journalistin) und Christian von Ditfurth (Autor historischer Romane).

Die Katastrophe hätte verhindert werden können, wenn alle ein wenig aufmerksamer und misstrauischer gewesen wären, so die Einschätzung von Michael Seufert. Die Gier nach Einfluss, Macht und dem großen Geld hätten die Akteure aber blind gemacht. »Was immer falsch gemacht werden konnte, wurde falsch gemacht«, betonte er. Gerd Heidemann, »Spürhund des Stern und besessener Rechercheur«, war durch Zufall in Kontakt mit einem Druckereibesitzer gekommen, der ihm nicht nur Hermann Görings Jacht verkaufte, sondern auch Zugang »zu alten Nazis« verschaffte. Heidemann verlor die Distanz zu seinen Gesprächspartnern. Er versank im braunen Sumpf, wie Seufert hervorhob. Als ein Industrieller in Waiblingen dem »Stern«-Reporter ein erstes der vermeintlichen Tagebücher zeigte, war Heidemann wie elektrisiert. Zusammen mit Ressortleiter Thomas Walde ging er der Sache nach und begegnete schließlich dem Tagebuchlieferanten Konrad Fischer, dessen wahre Identität als Konrad Kujau er, möglicherweise geblendet von der erwarteten Sensation, nicht erkannte. Sechsstellige DM-Beträge wechselten den Besitzer, und am Schluss waren mehr als neun Millionen Mark für die Tagebücher ausgegeben, die angeblich ein DDR-Offizier nach und nach außer Landes geschmuggelt haben soll.

Etwa vier Millionen soll Heidemann zur Seite geschafft haben, wie es hieß. Zweifel an der Echtheit der Aufzeichnungen kamen dem erfahrenen Reporter offenbar nicht. Warnungen schlug er in den Wind, Ungereimtheiten hinterfragte er nicht, wie Seufert berichtete. Statt dessen entwickelte sich »ein feiner Pendelverkehr zwischen Stuttgart und Hamburg«. Schrift- und Materialgutachten wurden eingefordert, aber auch die Gutachter ließen sich täuschen. Erst ein nochmaliges Papiergutachten lieferte den Beweis für die Fälschung. Die Auflage des »Stern« ging massiv zurück, der Ruf des Blattes war ruiniert. »Der ›Stern» hat sich nie wirklich davon erholt,« resümierte der ehemalige Redakteur.

Der damalige »Spiegel«-Redakteur Dieter Wild erinnerte an den erbarmungslosen Kampf um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Der Skandal beim »Stern« habe bei ihm keine Schadenfreude ausgelöst. Er habe ihm vielmehr die Gefährdungen im Beruf des Journalisten aufgezeigt. Eine Zeitung, die nicht gelesen wird, entfalte nun einmal keine Wirkung. Um aber Wirkung zu erzielen, müsse man Ungewöhnliches tun, so der frühere stellvertretende Chefredakteur des Magazins. Wichtig sei die Dosierung.

Axel Schildt kritisierte die »korruptiven Elemente in der Geschichtswissenschaft«. Der »Stern« habe lange gebüßt – und mit Recht, so Schildt. Silke Burmester erkannte die Ursache für den Skandal in einem »Netzwerk eitler Jungs«. Sie beklagte die Berichterstattungshysterie, beschrieb die Lustmomente des Fälschers und erklärte schließlich: »Lügner brauchen Leute, die sie stützen.«

Christian von Ditfurth betonte, er sei von der Banalität des Inhalts der Tagebücher schwer enttäuscht gewesen. Schließlich sei ja die Erwartung genährt worden, dass die Geschichte des Dritten Reiches umgeschrieben werden muss. (Foto: hin)

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 28.10.2013 - 10.41 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang