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Hanni Bötz: Wie eine Spastikerin das Leben genießen kann

Artikel vom 09.06.2010 - 11.00 Uhr

Hanni Bötz: Wie eine Spastikerin das Leben genießen kann

Gießen (kw). Sie wuchs bei einer alleinerziehenden Mutter auf, konnte nie genauso gehen und sprechen wie Gleichaltrige, entging als Behinderte in der Nazizeit wohl nur mit Glück medizinischen Versuchen und bewegt sich seit fast 40 Jahren hauptsächlich im Rollstuhl. Johanna - genannt Hanni - Bötz hatte es nicht immer leicht.
»Geduld ist nicht gerade meine größte Gabe«, gibt Hanni Bötz unumwunden zu. Dass in zweijähriger Arbeit ihre Lebensgeschichte al
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»Geduld ist nicht gerade meine größte Gabe«, gibt Hanni Bötz unumwunden zu. Dass in zweijähriger Arbeit ihre Lebensgeschichte als Broschüre - hier in den Händen der Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz - entstand, sei ihren Helfern zu verdanken. (Foto: Schepp)
Doch zufrieden blickt die 77-Jährige zurück auf Reisen in die USA und nach Israel, berichtet von langjährigen Freundschaften und ehrenamtlichem Engagement. »Meine Erfahrungen sollen der nächsten Generation sagen, wie man als Spastikerin durch das Leben kommen« - und es genießen - kann. Diese Botschaft gibt die 77-Jährige nun in einer Broschüre weiter.

»Hanni Bötz - Der Verstand ist meine Krücke« heißt das Heft in der Reihe der »Gießener Frauengeschichte(n)«, das nun in einer Auflage von 150 Stück vorliegt. Die Gießenerin trug ihre Behinderung vermutlich aufgrund von Komplikationen während der Geburt davon. Obwohl sie nie gerade gehen oder tanzen konnte, Schwierigkeiten mit dem deutlichen Sprechen hatte und erst nach einigen Jahren Privatunterricht die Schule besuchen durfte, war lange nur von einer »Spätentwicklerin« die Rede. Die Behinderung habe sie - so erzählt Hanni Bötz - weniger belastet als die Abwesenheit des Vaters, der die Familie wenige Monate nach ihrer Geburt verließ. Sie half früh im Geschäft der Mutter in der Walltorstraße, erlebte dort den Abtransport der jüdischen Nachbarn und die Ausbombung und führte auch nach dem Tod der Mutter ein selbstständiges Leben. Geheiratet habe sie nie, denn »mein Verstand war stets größer die Liebe, was mir oft sehr leid tat. So sitze ich jetzt als ›alte Jungfer‹ hier und schreibe diese Zeilen«, heißt es in der Broschüre ein wenig selbstironisch.

»Eine Biografie, die einen sehr berührt und beeindruckt«, meinte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz bei der Vorstellung des Hefts am Dienstag. Die »echte Gießener Pflanze« Hanni Bötz habe zwar immer wieder Diskriminierung erfahren, sei ihr aber mit Selbstachtung, Mut und Energie begegnet. Als Herausgeberin der Broschüre ergänzte die Frauenbeauftragte der Stadt, Ursula Passarge: »Meines Wissens ist dies die erste Gießener Geschichte, die sich eines solchen Schicksals annimmt.« Und Kornelia Steller-Nass als Vorsitzende des Gießener Arbeitskreises für Behinderte weiß: »Die meisten Frauen denken, ihr Leben sei nichts Besonderes. Aber das ist Geschichte.«

»Viele Jahre trug ich mich mit dem Gedanken, mein Leben einmal aufzuschreiben«, gestand Hanni Bötz. Dass dies Wirklichkeit wurde, habe sie ihren Helfern zu verdanken: Zunächst Martin Wagner, der sie vor zwei Jahren bei einer Freizeit der evangelischen Behindertenseelsorge ansprach mit dem Vorschlag, ihre bemerkenswerten Erlebnisse tatsächlich zu Papier zu bringen. Das schlechte Wetter in den Niederlanden nutzen beide gleich vor Ort zu langen Gesprächen, Wagner brachte das Gehörte zu Papier. Die Druckfassung des Textes formulierte dann der Journalist Lothar Rühl, der »begeistert und bewegt« war.

Eine weitere Unterstützerin war die ehemalige Gemeindediakonin Ursula Schmitt, die nun auch Lesungen zusammen mit Hanni Bötz anbietet. Sie stellte auch den Kontakt zu Passarge her, die im September in den Ruhestand gehen wird. In ihren 24 Jahren als Frauenbeauftragte hätten die jeweils regierenden Politiker die unterschiedlichen Dokumentationen von Frauen-Lebensgeschichten stets unterstützt, betonte sie. Das sei keine Selbstverständlichkeit. Entstanden sei eine beachtliche Sammlung.

Das 30 Seiten starke Din-A4-Heft »Hanni Bötz - Der Verstand ist meine Krücke« ist für vier Euro beim Frauenbüro der Stadt im Rathaus zu haben. Gruppierungen, die die Autorin gemeinsam mit Ursula Schmitt zu einer Lesung einladen möchten, können sich ebenfalls dort melden unter Tel. 06 41/306-20 19.

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Artikel vom 09.06.2010 - 11.00 Uhr
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