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Gießen »das Armenhaus« im Gebiet der EKHN

Artikel vom 28.09.2008 - 21.39 Uhr

Gießen »das Armenhaus« im Gebiet der EKHN

Gießen (mh). Wachsende Armut und soziale Not registrieren Mitarbeiter des Diakonischen Werkes in Gießen. Das berichtete Holger Claes, Leiter der Diakonie, am Freitag vor der Synode des Evangelischen Dekanates Gießen, die in der Petruskirche getagt hat.
Rund 5000 Menschen hätten im vergangenen Jahr die Dienste und Beratungsangebote der Diakonie, wie Schuldner- oder Schwangerenberatung, sowie Nichtsesshaftenhilfe oder »Die Tafel« in Anspruch genommen. 1500 Menschen im Landkreis Gießen, allein 1000 in der Stadt Gießen, würden durch »Die Tafel« mit Lebensmitteln versorgt, weil die staatlichen Sozialleistungen nicht ausreichten. 600 Menschen stünden auf der Warteliste. An die Kirchenvertreter gewandt, sagte Claes, Gießen gelte als »das Armenhaus in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau« (EKHN).

Der Gießener Diakonie-Chef kündigte an, dass ab 17. Oktober im Evangelischen Gemeindehaus Leihgestern eine weitere Ausgabestelle der »Tafel« Lebensmittelkörbe an Bedürftige ausgebe. Zu vorübergehenden Härten komme es immer wieder, weil das Arbeitslosengeld aus Verfahrensgründen mit einigen Wochen Verzögerung gezahlt werde und es keine unmittelbare Sozialhilfe mehr gebe. Man könne darüber streiten, so Claes, dass die Arbeit der »Tafel« die »löcherige Sozialgesetzgebung ausgleiche oder stabilisiere«. »Solange aber Menschen zu mir kommen, die unverschuldet Hunger haben oder ihnen der Strom abgestellt worden ist, bin ich verpflichtet zu helfen.« In diesem Zusammenhang sagte Claes, es mache ihn »zornig, dass eine Familie mit zwei Kindern sich von 750 Euro Arbeitslosengeld über Wasser halten muss, während sich Wohlhabende durch Steuerschlupflöcher der sozialen Verantwortung entziehen können.«

Kinder würden heute in Armut hineingeboren, mit nur geringen Chancen, diesen Verhältnissen zu entkommen. Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahre sei nicht zu allen Schichten der Bevölkerung gelangt. Er sei in dieser Situation dankbar über die Zusammenarbeit zwischen den Kirchengemeinden und der Diakonie. Rund 300 Menschen, viele von ihnen aus Kirchengemeinden, arbeiteten ehrenamtlich für das Diakonische Werk. Dekan Frank-Tilo Becher bezeichnete es vor der Synode als »große Zukunftsaufgabe« für die Kirchengemeinden »wieder stärkeres diakonisches Profil zu entwickeln«.

Die Kirchenvertreter haben außerdem über die Möglichkeiten gesprochen, wie von den 29 Kirchengemeinden im Dekanat erfolgreicher für ehrenamtliche Mitarbeitende und Spenden geworben werden kann. Der Öffentlichkeitsbeauftragte des Dekanates, Matthias Hartmann, kündigte an, dass in einem Modellprojekt einzelne Gemeinden im so genannten Fundraising professionell unterstützt werden. In diesem Zusammenhang wurde am Rand der Synode die Ausstellung »Stiften tut gut« zur Gründung von wohltätigen Stiftungen gezeigt.

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