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Gefängnisstrafe wegen räuberischen Angriffs

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Artikel vom 19.02.2016 - 15.50 Uhr

Gefängnisstrafe wegen räuberischen Angriffs

Gießen (sha). Es ist schon dunkel, als die Frau am späten Abend mit ihrem Kleinwagen an der Ampel hält. Weil die Rotphase an der Ecke Goethestraße/Südanlage etwas länger dauert, nimmt sie die Handtasche auf den Schoß und sucht nach einem Tankbeleg. Plötzlich wird die Fahrertür aufgerissen, und ein junger Mann deutet mit den Worten »Gatto, gatto« unter das Fahrzeug.

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Eine Situation wie am 3. September 2015: Ein Gauner lenkt das Opfer ab, sein Komplize öffnet die Beifahrertür, um Wertgegenstände aus dem Fahrzeug zu stehlen.
© Oliver Schepp
Die Frau versteht Italienisch. Sie weiß, dass keine Katze auf der Straße war und versucht, die Fahrertür wieder zu schließen. Doch der junge Mann hält dagegen. Plötzlich spürt die Frau etwas auf ihrem Schoß, dreht sich um und blickt ins das Gesicht eines Fremden.

Die ältere Dame, die am 3. September vergangenen Jahres mit ihrem Auto an jener Kreuzung gestanden hatte, saß am Donnerstag nicht allein am Zeugentisch. Eine andere Frau hatte sie zur Unterstützung in den Verhandlungssaal am Gießener Amtsgericht begleitet. Dennoch schilderte die 66-Jährige mit fester Stimme, was sie erlebt hatte: Der Fremde auf der Beifahrerseite habe nach der Handtasche auf ihrem Schoß gepackt und an deren Riemen gezerrt. Es habe ein »heftiges Gerangel« gegeben, aber die Seniorin hielt ihre Tasche mit beiden Händen fest. Außerdem schimpfte und schrie die pensionierte Lehrerin eigenen Angaben zufolge laut um Hilfe. Sie hatte Glück. Der Fremde ließ von ihr ab. »Wenn er noch länger gezogen hätte, hätte ich nicht mehr genug Kraft gehabt«, sagte die Seniorin.

Tat beeinträchtigt Opfer bis heute

Aber etwas anderes bereitet dem Opfer immer noch Kummer: »Ich habe als Lehrerin Kinder aus allen möglichen Nationen unterrichtet und war immer sehr offen.« Durch den Vorfall sei sie »unsicher und misstrauisch« geworden. Vor allem, wenn sie in der Stadt Menschen mit dunklem Haar und dunkler Hautfarbe begegne. Seit dem vergangenen Herbst getraue sie sich auch nicht mehr, abends ihre Stammtischrunde zu besuchen, weil sie im Dunkeln nicht mehr unterwegs sein möchte.

Der Angeklagte, ein 24-jähriger Algerier, räumte die Tat ein. Er befand sich seitdem in Untersuchungshaft. Sein Komplize ist noch flüchtig. Laut Akte war der Mann erst am Tag vor der Tat aus Frankreich nach Deutschland gekommen, wollte aber wieder ins Nachbarland zurück.

Ein solcher »Kriminalitätstourismus« dürfe nicht geduldet werden, sagte der Staatsanwalt. Zumal es sich nicht »nur« um einen versuchten Diebstahl, sondern um einen versuchten räuberischen Angriff auf einen Kraftfahrer handele. Er forderte eineinhalb Jahre Gefängnis. Außerdem warf er dem Angeklagten vor, durch sein Verhalten dazu beizutragen, dass die »große Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge in Deutschland« nachlasse. »Mit Ihrer Tat diskreditieren Sie die große Mehrheit von Flüchtlingen, die in Deutschland Schutz vor Krieg und Terror suchen.«

Richter Jürgen Seichter folgte mit seinem Urteil dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Er betonte vor allem die Folgen des Übergriffs für das Opfer. »Gemessen an dem, was Ihnen in Algerien für eine solche Tat drohen würde, ist das Strafmaß noch milde.«

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Artikel vom 19.02.2016 - 15.50 Uhr
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Leserkommentare
(20.02.2016 15:32)
RobertSchneider
Asylantenrabatt?
Der gesetzliche Strafrahmen des § 316a StGB (Räuberischer Angriff auf Kraftfahrer) sieht eigentlich eine Mindeststrafe von fünf Jahren vor. Nur für einen "minder schweren Fall" lässt das Gesetz zu, die Strafe bis zu einem Minimum von einem Jahr zu reduzieren. Das heißt, angesichts der verhängten ungewöhnlich milden Strafe, scheint das Gericht hier sogar von einem außergewöhnlich minder schweren Fall ausgegangen zu sein. Der Prozessbericht lässt aber eigentlich keinerlei Milderungsgründe erkennen. Im Ggenteil, dass sich mehrere Männer zusammen rotten, um auf offener Straße eine arglose alte Frau zu überfallen, ist doch typischerweise eher ein besonders perfider und schwerwiegender Fall, der keinesfalls als "minder schwer" eingestuft werden kann.
(20.02.2016 14:38)
history99
Ob das wohl ...
... in der Berufung bestand hat? Nicht dass ich das Urteil für unangemessen hart halte, aber das "Gemessen an ... noch milde" dürfte eine Steilvorlage für eine Berufung sein. So etwas sollte m. E. keinen Einfluß auf die Beurteilung haben, weder in der einen, noch in der anderen Richtung.
(20.02.2016 14:04)
cleo
räuberische erpressung
sehr gutes urteil. die begründung des staatsanwalts sehr deutlich und sehr mutig.
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