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Gedenkstunde zur Deportation von 14 Gießener Sinti

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Artikel vom 17.03.2014 - 14.43 Uhr

Gedenkstunde zur Deportation von 14 Gießener Sinti

Gießen (csk). »Die Leidtragende solcher Vorurteile ist immer unsere Gesellschaft.« Mit diesem Fazit schloss Dr. Udo Engbring-Romang seinen Vortrag bei der Gedenkstunde des Magistrats zum 71. Jahrestag der Deportation von 14 Gießener Sinti am Sonntagmittag im Konzertsaal des Rathauses.

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Wie viele weitere Teilnehmer der Gedenkstunde legten Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz (r.) und Stadträtin Astrid Eibelshäuser Blumen am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors nieder.
© Christian Schneebeck
Zuvor hatte der Marburger Historiker betont, Ressentiments gegen Sinti und Roma gehörten keineswegs der Vergangenheit an. Umso größere Bedeutung habe das Gedenken an die Opfer des Naziterrors, sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz: »Wir sind es den Toten und den Lebenden schuldig, Verantwortung zu übernehmen und an sie zu erinnern.«

Mehr als 40 Prozent der Deutschen möchten nicht in der Nachbarschaft von Sinti und Roma leben. Das ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts – im Jahr 2011. »Und das sind nur die, die zu ihren Vorurteilen stehen«, bewertete Engbring-Romang das Ergebnis. Dieses habe unter anderem damit zu tun, dass Sinti und Roma in der Bundesrepublik lange von Staats wegen diskriminiert worden seien. Erst 1982, 37 Jahre nach Kriegsende, wurden sie als Opfer des Naziregimes anerkannt. Für viele Städte sind bis heute keine genauen Zahlen ermittelt, wie viele von ihnen während des Holocaust verschleppt und ermordet wurden.

Viele sitzen uralten Klischees auf

So auch für Gießen. Eine Namensliste im Stadtarchiv belegt aber, dass 14 Sinti am 16. März 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt wurden. Niemand weiß Genaueres über ihr Schicksal, niemand weiß, ob – und falls ja: wann – weitere Sinti aus Gießen deportiert wurden. Entsprechend viel bleibt laut Grabe-Bolz zu tun, um den Völkermord im kollektiven Gedächtnis zu verankern. »Wir müssen beschämt feststellen, dass es kaum Forschung zu den Gießener Sinti gibt«, räumte die OB ein.

Engbring-Romang, der im Vorstand der Gesellschaft für Antiziganismusforschung sitzt, befasst sich wissenschaftlich mit den abwertend als »Zigeuner« bezeichneten Gruppen. Die Geschichte ihrer Diskriminierung reiche 500 Jahre zurück, erläuterte er. Viele Menschen säßen uralten Klischees auf: Die vermeintliche Neigung der Sinti zu Trickdiebstahl ist ein Beispiel, ihr angeblicher Hang zu Gewaltkriminalität und Bildungsunfähigkeit ein anderes.

Die Nationalsozialisten stellten sich demnach in eine historische Entwicklungslinie.

Aus Diskriminierung und Verfolgung wurden Terror und Mord, als Ende der 1930er Jahre »Rassegesetze« zur »Bekämpfung des Zigeunerwesens« erlassen wurden. Kurz darauf folgten die Deportationen, bis Kriegsende fielen rund 500 000 Sinti und Roma dem Völkermord zum Opfer. Bei alledem sei die Verschleppung und Ermordung »die gnadenlose Fortsetzung einer langen Leidensgeschichte« gewesen, sagte Grabe-Bolz.

Und selbst nach dem Ende der Naziherrschaft fand diese Geschichte kein Ende. Die ersten Bundesregierungen hätten noch behauptet, die Maßnahmen gegen Sinti und Roma im Dritten Reich hätten der »Kriminalitätsprävention« gedient, so Engbring-Romang. Der Historiker urteilte entsprechend deutlich: »Die Debatte um Entschädigungen verlief skandalös.«

71 Jahre nach ihrer Deportation erinnerte der Magistrat zum dritten Mal an die 14 bekannten Gießener Sinti sowie auch an das Schicksal aller von den Nazis Verfolgten. Im Anschluss an die Gedenkstunde legten die Teilnehmer, unter ihnen Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz, Stadträtin Astrid Eibelshäuser und SPD-Chef Gerhard Merz, Blumengebinde am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors nieder. Grabe-Bolz verlas die Namen der deportierten Gießener Sinti; Gemeindereferent Gerd Tuchscherer und Dekan Frank-Tilo Becher sprachen Gebete.

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Artikel vom 17.03.2014 - 14.43 Uhr
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Leserkommentare
(20.03.2014 10:54)
Gandalf013
Hier will niemand Völker .....
Hier will niemand Völker ausrotten. Das Problem mit den Sintis bzw Roma ist die Tatsache, dass sich die aller meisten nicht in die jeweilige Gesellschaft eingliedern wollen und ihren Kinder keine Schulbildung zukommen lassen. Es gibt kaum gemeinsame Werte und das führt nicht nur zu Misstrauen - auf beiden Seiten. Würden diese Leute einem normalen Beruf nachgehen, egal ob einen Handwerksberuf oder Bankangestellter und sich an den jeweiligen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens halten, wie etwa durchschnittliche Skandinavier, Franzosen, Griechen, Italiener usw sie würden keine Akzeptanzprobleme haben. Große Parallelgesellschaften sind keine Lösung. Weder in Deutschland,Skandinavien, Frankreich, Griechenl., Italien noch in Marokko, oder in Thailand. Auch sind Zigeuner immer dann gegen diese Bezeichnung wenns dafür Knete gibt, ansonsten haben die kein Problem damit Zigeuner genannt zu werden.
(19.03.2014 19:01)
Harry
Ach so
und daher ist es legitim die Sinti und Roma auszurotten?
(19.03.2014 18:28)
Gracchus
Politisch korrekt ?
Wie verbogen muß man eigentlich sein, un einen solchen Unsinn zu verbreiten ? Soll jetzt die jahrhundertelannge Erfahrung mit den Zigeunern, die sich übrigens auch selbst so nennen, einer vermeintlichen politischen Korrektheit geopfert werden und warum fragt eigentlich niemand mal nach den Gründen, weshalb diese Leute in ganz Europa so extrem unbeliebt sind. Dem Geschwurbel setzt man dann noch die Krone auf, indem man über 40% der Deutschen, die nicht in der Nähe dieser mobilen ethnischen Minderheit wohnen möchten, in die rechte Ecke stellt.
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