Freitags kommt der "Schulhund" an die Bracken-Schule
Gießen (cg). »Schrei nicht so, denk an Arwen«, ermahnt ein Junge einen seiner Mitschüler. Seit Andreas Raab, Grundstufenleiter in der Helmut-von-Bracken-Schule, seine Labradorhündin freitags mit in den Unterricht der Klasse 3 bringt, geht es ruhiger und entspannter zu.
»Ich muss weniger regelnd eingreifen, das tun die Schüler selbst«, berichtet er. Die Kinder - mittlerweile alle Fans des freundlichen, gelassenen Vierbeiners - achten selbst darauf, dass die vereinbarten Regeln eingehalten werden: Nicht rennen, nicht schreien, den schlafenden Hund in Ruhe lassen. Referendarin Daniela Schäfer, die sich im Rahmen des Projektes »Schule mitgestalten und entwickeln« mit dem Thema Schulhund beschäftigt hat, gibt eine klare Empfehlung. »Ein Hund im Unterricht kann sich sehr positiv auswirken«.
Damit er das tut, müssen natürlich gewisse Rahmenbedingungen stimmen, erläutert die angehende Lehrerin. Zum einen muss es Lehrräfte geben, die bereit sind, mit ihrem Hund in den Unterricht zu gehen. Lehrer und Hund müssen eng miteinander vertraut sein, daher kommt es nicht in Frage, einfach irgendeinen freundlichen Hund als Schulhund »auszuleihen«. Daniela Schäfer hält es für sinnvoll, dass die Lehrkraft mit ihrem Vierbeiner einen Hundeführerschein absolviert, zudem muss eine Art »Gesundheitszeugnis« des Tierarztes vorliegen. In einem weiteren Schritt sollte sich der Pädagoge in Richtung tiergestützer Therapie fortbilden.
Die Lehrerin im Vorbereitungsdienst, die ihre Examensarbeit über Reittherapie für Autisten mit Aspergersyndrom geschrieben hat, hat in den vergangenen Monaten den Unterricht in Andreas Raabs Klasse beobachtet, wenn Hündin Arwen zu Gast war. Die Hündin steht während des Unterrichts nicht im Mittelpunkt. Mit Wassernapf und Decke ausgestattet, ist sie einfach dabei. Wenn sie mag, darf sie im Raum umhergehen, gespielt und gekuschelt wird jedoch während des Unterrichts nicht.
Daniela Schäfer hat beobachtet und dokumentiert, dass die Kinder ingesamt ruhiger sind als an den übrigen Tagen. Außerdem gehen sie freundlicher miteinander um, helfen einander mehr, zeigen mehr Emotionen und lernen konzentrierter. Die Erklärung: Die ruhige, liebenswerte Hündin wirkt entspannend, die Atmosphäre fördert das Lernklima. Dass die Kinder den Vierbeiner auch streicheln dürfen, versteht sich von selbst: Beim anfänglichen Sitzkreis ist Kuscheln erlaubt. Die Hündin legt sich entspannt auf die Decke, streckt alle Viere von sich und genießt es sichtlich, dass viele Kinderhände ihr weiches Fell streicheln. Alle Jungen (die Klasse ist eine reine Jungenklasse) mögen Arwen, erzählt Andreas Raab. Das sei nicht immer so gewesen. Anfangs habe sich ein Junge vor dem Labrador gefürchtet. Mittlerweile, und das freut den Pädagogen ganz besonders, liebt gerade dieses Kind Arwen sehr.
Ziel der Helmut-von-Bracken-Schule ist es, den Kindern ein tragfähiges Sozial- und Lernverhalten zu vermitteln. Gegenseitige Wertschätzung und Fairness spielen eine zentrale Rolle. Da die tiergestützte Pädagogik dabei eine hilfreiche Unterstützung sein kann, ist die Schulleitung offen für solche Projekte. Denkbar ist es, Hunde weiterhin als »Unterrichtsbegleiter« einzusetzen, aber auch gezieltes Training in Arbeitsgemeinschaften und mit Einzelbetreuung sind vorstellbar.
Die Drittklässler jedenfalls möchten auf Arwen nicht mehr verzichten. »Es ist immer schön, wenn sie da ist«, sagen die Kinder. Sie hoffen, dass die Labradorhündin noch lange mitkommen kann. Das acht Jahre alte Tier war schon öfter krank, und die Jungen sorgten sich um ihren Liebling. Womit man bei einem weiteren positiven Effekt ist: Hunde fördern die Empathie.