Gießen (pd). Die Kritik ging quer durch die Jahrzehnte: Vom »Sündenfall« beim Abriss des Volksbades über den »Betonklotz« City-Center und die »Designkatastrophe« Marktplatz bis zum »städtebaulichen Totalschaden« am Neustädter Tor. Einen Tag lang war ein Kamerateam des Hessischen Rundfunks am Mittwoch in Gießen unterwegs, um für die Reihe »Architektursünden in Hessen« zu drehen.
Gießener Architektursünden - hier vor der Galerie Neustädter Tor - auf der Spur war gestern ein hr-Kamerateam mit (v. l.) Kamerafrau Christine Kaltenschnee, Tontechniker Ralph Ganswindt und Architekt Christoph Mäckler. (Foto: Schepp)
An Motiven herrschte für Autor Manfred E. Schuchmann, der gemeinsam mit dem Architekten Prof. Christoph Mäckler auf Tour war, kein Mangel. Am Donnerstag, dem 6. Mai (22.45 Uhr), werden die Gießener »Architektursünden« im Magazin »Hauptsache Kultur« im hr-Fernsehen ausgestrahlt.
»Herzlichen Dank für Ihre schönen Worte«, ermuntert ein Passant, der die Dreharbeiten beobachtet, den Architekturprofessor, als dieser den neu gestalteten Marktplatz als »grauenhaft und hässlich« bezeichnet. Erste Anlaufstelle des hr-Teams ist am Vormittag das Elefantenklo. Die Überführung am Selterstor war im November 2004 Thema der ersten Folge von »Architektursünden in Hessen«. Inzwischen ist man bei der 38. Sendung angelangt - die Reihe hat sich zum Dauerbrenner entwickelt. Wie damals wird das Elefantenklo als Zumutung für Menschen mit Behinderung oder Eltern mit Kinderwagen bezeichnet. Aber auch neuere Bauwerke schneiden nicht besser ab. Die Fassade der 2005 eröffneten Galerie Neustädter Tor wird von den Experten als »gigantische Architektursünde« und »städtebaulicher Totalschaden« geschmäht. »Die gesamte Außenwelt wird negiert«, beschreibt Mäckler das geschlossene System des Einkaufszentrums. Für Fußgänger bleibe da so gut wie nichts mehr. Die angrenzende Nordanlage, so der Architekt, »sieht aus wie eine Schnellstraße«. Um den Bereich städtebaulich freundlicher zu gestalten, hätte man rund um die »Mall« eine Wohnbebauung planen können. Doch dies habe offenbar dem Ziel widersprochen, »möglichst viel an Quadratmetern herauszuquetschen«, vermutet Schuchmann. Für diese These spricht nach Ansicht des Architekten und Kunsthistorikers, dass man in dem riesigen Gebäude nur eine Toilette im Keller untergebracht hat.
Das stille Örtchen spielt auch bei der Bewertung der Marktplatz-Gestaltung eine Rolle. Man habe Toilettenhäuschen, »die nachts auch noch leuchten«, auf den Platz gestellt. Mäckler bezeichnet die Buswartehäuschen als »Designkatastrophe«, die den Platz »verschandeln und zerschneiden«. Während die Autoren für die zu Beginn der fünfziger Jahre geschaffene Struktur lobende Worte finden, wird die jüngste Umgestaltung als »städtebaulich furchtbar« bewertet. Sinnvoll sei dagegen, den Busverkehr weiter durch diese zentrale Stelle der Innenstadt fließen zu lassen. Man hätte allerdings die Haltestelle um einige Meter verlegen können, um dem Marktplatz mehr Flair zu geben, meint Mäckler.
»Diese Stadt weiß nicht, wie sie sich haben will«, glaubt Schuchmann. Der Journalist kennt Gießen seit den 60ern und bezeichnet die Mittelhessen-Metropole als »Musterbeispiel einer autogerechten Stadt«. Dies beginne mit dem Gießener Ring, aber auch der Anlagenring sei eine regelrechte Rennstrecke. »Gießen hat sich häufig sehr weh getan«. Ein weiterer Beleg für diese Aussage ist nach Ansicht des Fernsehteams das City-Center. Ohne Not sei hier ein »Betonklotz mit Schießscharten-Treppenhäusern« entstanden. Dieses Stück »wirklich schlechter Architektur« sei eine Beleidigung für die Bebauung auf der anderen Seite der Bahnhofstraße, die weitgehend von Kriegszerstörung verschont geblieben sei.
Allerdings ist Gießen offenbar nicht die einzige Stadt, die sich mit Architektursünden plagt. »Viele Städte wenden sich an uns, weil sie nicht wissen, wie sie mit der wachsenden Kritik aus der Bevölkerung umgehen sollen«, verrät Mäckler als Gründungsmitglied des Dortmunder Instituts für Stadtbaukunst.
Die Diagnose des Architekten Mäckler ist in der Sache zutreffend, wenngleich er es für die Medien leider etwas polemisch formuliert. Gießens Problem war nicht alleine die Kriegszerstörung und der schnelle Aufbau nach dem Krieg, sondern die falschen Entscheidungen in den folgenden Jahren. Es sind auch nicht einzelne architektonische Sünden, die in jeder Stadt vorkommen, sondern es ist die Reihe der Sünden, die begangen wird und die man auch nicht rückgängig machen möchte. Das Elefantenklo ist ein gutes Beispiel, wo die Stadtverordneten es mit der Neuanschaffung der Rolltreppen versäumt haben, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Leistungsfähigkeit für die Autos war ihnen wichtiger als die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung und der Geschäftleute im Seltersweg. Der Anlagenring wird autogerecht erhalten, als gäbe es keinen Gießener Ring, auf den man deutlich mehr Verkehr verlagern könnte. Entsprechend schlecht sind auch die Querungsmöglichkeiten für die Fußgänger an vielen überdimensionierten Hauptstraßen. Andere Städte wie Hannover haben peinlich genau darauf geachtet, dass ein Cityring nicht dazu führt, dass dieser zur Barriere wird. Dort werden die Fußgängerzonen in die Stadtteile durch breite Fußwege weitergeführt. In Gießen hingegen wird jeder breite Fußweg zur Parkfläche erklärt. Es fehlt Gießen an einer zukunftsorientierten Planung und es ist kein Wunder warum das so ist: Viele Gießener Politiker haben die Stadt nie verlassen und tun das wohl auch heute nicht: Man schmort im eigenen Saft und merkt nicht, wie innovativ es in anderen Städten zugeht und wie dort Urbanität geschaffen und erhalten wird. Gießen schafft es somit auch nicht, die kreativen Studierenden in der Stadt zu halten, wenn diese mit dem Studium fertig sind, obwohl gerade diese Arbeitsplätze schaffen könnten und innovative Ideen einbringen könnten. Man merkt nicht einmal, dass die meisten Wege in der Stadt eben nicht mit dem Auto zurückgelegt werden, obwohl dies im Verkehrsentwicklungsplan klar dargestellt ist. Man macht eine Politik für die Pendler aus den Umlandkommunen und gegen die vielen Menschen, die täglich mit Bus, Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Bizarr wird es dann, wenn man die Rede eines CDU-Politikers bei der letzten Bauausschuss-Sitzung wiedergibt. Von Seiten der SPD wurde die Weisheit "Wer Straßen sät, wird verkehr ernten" mit Blick auf die nun vier- statt zweispurig geplante Konrad-Adenauer-Brücke zitiert. Der CDU-Mann sah hingegen den Ausbau als wichtig an und befürchtete, dass man noch mehr Bürger in die Umlandkommunen verlieren würde, wenn man in Gießen nicht staufrei Auto fahren könne. Dass er mit dem Brückenbauwerk gerade die Pendler aus dem westlichen Kreisgebiet sowie Wetzlar bevorzugt, hat er nicht verstanden, denn nur diese sind es, die täglich dort im Berufsverkehr im Stau stehen.
Das BID Marktquartier will dauerhaft ein Kinderkarussell auf den
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Andere Städte wie Hannover haben peinlich genau darauf geachtet, dass ein Cityring nicht dazu führt, dass dieser zur Barriere wird. Dort werden die Fußgängerzonen in die Stadtteile durch breite Fußwege weitergeführt. In Gießen hingegen wird jeder breite Fußweg zur Parkfläche erklärt.
Es fehlt Gießen an einer zukunftsorientierten Planung und es ist kein Wunder warum das so ist: Viele Gießener Politiker haben die Stadt nie verlassen und tun das wohl auch heute nicht: Man schmort im eigenen Saft und merkt nicht, wie innovativ es in anderen Städten zugeht und wie dort Urbanität geschaffen und erhalten wird. Gießen schafft es somit auch nicht, die kreativen Studierenden in der Stadt zu halten, wenn diese mit dem Studium fertig sind, obwohl gerade diese Arbeitsplätze schaffen könnten und innovative Ideen einbringen könnten.
Man merkt nicht einmal, dass die meisten Wege in der Stadt eben nicht mit dem Auto zurückgelegt werden, obwohl dies im Verkehrsentwicklungsplan klar dargestellt ist. Man macht eine Politik für die Pendler aus den Umlandkommunen und gegen die vielen Menschen, die täglich mit Bus, Rad oder zu Fuß unterwegs sind.
Bizarr wird es dann, wenn man die Rede eines CDU-Politikers bei der letzten Bauausschuss-Sitzung wiedergibt. Von Seiten der SPD wurde die Weisheit "Wer Straßen sät, wird verkehr ernten" mit Blick auf die nun vier- statt zweispurig geplante Konrad-Adenauer-Brücke zitiert. Der CDU-Mann sah hingegen den Ausbau als wichtig an und befürchtete, dass man noch mehr Bürger in die Umlandkommunen verlieren würde, wenn man in Gießen nicht staufrei Auto fahren könne. Dass er mit dem Brückenbauwerk gerade die Pendler aus dem westlichen Kreisgebiet sowie Wetzlar bevorzugt, hat er nicht verstanden, denn nur diese sind es, die täglich dort im Berufsverkehr im Stau stehen.