Eigentlich ist es normal, dass die ersten zwei, drei Konzerte einer Tournee eventuell noch nicht ganz rund laufen, Songs ausgetauscht oder die Reihenfolge der Stücke geändert wird. Wolfgang Niedecken jedoch, die ehrliche Haut von BAP, macht aus der Not eine Tugend, deklariert die drei ersten Konzerte offen als »warm-up gigs« (auch Kölner sprechen Neudeutsch) und wirbt auf der Bühne um Verständnis, falls das eine oder andere noch nicht so richtig klappen sollte. Natürlich hat das Gießener Publikum in der ausverkauften Kongresshalle kein Problem damit.
Wolfgang Niedecken (r.) und Gitarrist Helmut Krumminga begeisterten über drei Stunden die Fans in der Kongresshalle. Mehr Fotos
Schließlich ist man froh, dass man nach dem schönen Schiffenberg-Gig 2002 mal wieder auf dem Tourneeplan der Kölschrocker gelandet ist - das Konzert zum Dreißigjährigen der Band hatte ja vor zwei Jahren in Wetzlar stattgefunden. Und vor allem: Das Publikum, das beileibe nicht nur aus BAP-Fans der ersten Stunde besteht, bekommt eine dermaßen opulente Rock'n'Roll-Packung serviert, dass man sich eine Steigerung bei der offiziellen Tournee absolut nicht vorstellen kann: Drei Stunden und acht Minuten stehen BAP auf der Bühne und spielen 30 Songs aus ihrer langen Karriere.
Amerikanisches Flair eröffnet die Show mit jazzigen Trompetensounds und Robert de Niros deutscher Stimme Christian Brückner, der Ausschnitte aus Jack Kerouacs Roman »On The Road« rezitiert, ein Spot beleuchtet effektvoll die Bassdrum und die daneben postierte Telecaster-Gitarre. Fast meint man, gleich müsse Springsteen die Bühne stürmen. Aber es sind dann doch die nun schon seit einigen Jahren in dieser Formation zusammenspielenden Mannen um Wolfgang Niedecken, die einstöpseln und mit zwei Songs vom aktuellen Album »Radio Pandora« ordentlich loslegen. Beim dritten wechselt der 57-jährige Niedecken an die Akustische und verkündet in der Ansage von »Songs sinn Dräume« das Motto des Abends, das er den »Chronicles« seines großen Vorbilds Dylan entnommen hat: »Songs sind wie Träume, die man wahr zu machen versucht, sie sind wie fremde Länder, die man bereist.«
Das in feinstem Sound erklingende Konzert bietet dann nicht nur die bei lang gedienten Rockgruppen übliche Zeitreise, sondern auch den einen oder anderen geografischen Abstecher. Niedeckens Engagement für Flüchtlingskinder in Uganda findet seinen Niederschlag im berührenden »Noh Gulu«, das in bester Stones- und ZZ-Top-Manier rockende »Diego Paz« erzählt eine Geschichte am Rande des Falklandkriegs, zwischendurch geht es »Rövver noh Tanger«, man macht »Mörje fröh doheim« eine kleine Verschnaufpause, um am Ende des regulären Sets - nach zwei Stunden! - links und rechts vom »Bahndamm« anzukommen. Gitarrist Helmut Krumminga, der schon mal mitten im Song nur für das Solo die Axt wechselt, überzeugt durch seine Vielseitigkeit und seine Quirligkeit auf der Bühne, Keyboarder Michael Nass lässt immer wieder die Orgel wunderbar nostalgisch schwurbeln, während Bassist Werner Kopal und Drummer (seit 1988) Jürgen Zöller den Laden rhythmisch zusammenhalten und an dem sehr homogenen Klangbild ebenso beteiligt sind wie die Tontechniker in der Halle.
Mehrere Stücke werden durch die Rosenstolz-Geigerin, Bratschistin und Backgroundsängerin Anne de Wolff veredelt, so das an die Stones erinnernde »Duude Bloome«. Überhaupt mogelt sich das eine oder andere Keith Richards-Riff in die Musik. Ein Superkonzert bis jetzt, aber noch fehlen Klassiker wie das zarte »Do kanns zaubere« oder die Losgehrocker »Verdamp lang her« und »Alexandra, nit nur do«. In zwei Blöcken gibt die Band daher insgesamt acht Zugaben - die Fans sind müde, aber glücklich.
Veredelte mehrere Stücke: die Rosenstolz-Geigerin Anne de Wolff bei ihrem Auftritt in Gießen Mehr Fotos
Wer mehr BAP live hören will, kann am 27.11. in die Frankfurter Jahrhunderthalle gehen - oder hat sich gleich nach dem Gießener Konzert einen USB-Stick mit einer Aufnahme des gerade zuvor beendeten Auftritts mit nach Hause genommen. Für 20 Euro bekommt man dieses schmucke Live-Souvenir einschließlich eines Codes zum späteren Download der Zugaben.
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