Gießen (kw). Einige Meter über dem Waldboden über schwankende Trittbretter turnen oder sich wie Tarzan am Seil zur nächsten Plattform schwingen - das soll ab dem kommenden Frühjahr auch in Gießen möglich sein.
Auf ähnliche Weise wie hier im Wetzlarer Kletterwald könnten sich Interessierte ab 2011 auch am Schiffenberg von Baum zu Baum bewegen. (Foto: ik)
Die Firma Forest Adventures möchte auf dem Schiffenberg einen Kletterwald errichten und dazu ein Stück des Stadtwalds pachten. Das bestätigte Stadtrat Harald Scherer als Dezernent für Wirtschaftsförderung auf Anfrage der Allgemeinen. Er finde die Pläne »sehr spannend« und hoffe auf eine Belebung des Ausflugsziels Schiffenberg.
Selbstverständlich werde das Vorhaben bau- und naturschutzrechtlich geprüft, erklärt der FDP-Politiker. Er selbst werde sich demnächst einen der drei bereits bestehenden Kletterwälder des Unternehmens ansehen - sie befinden sich in Friedrichsdorf (Taunus), bei Hagen und bei Mannheim. Eine Beschlussfassung durch die Stadtverordnetenversammlung sei nicht notwendig, so Scherer. Es handle sich genau genommen um eine kleinere, wenn auch ungewöhnliche Gewerbeansiedlung.
In den letzten drei Jahren sei der Markt für dieses Freizeitangebot »regelrecht explodiert«, erläutert Tobias Spindler, Geschäftsführer von Forest Adventures Deutschland GmbH. Bei einer Analyse möglicher weiterer Standorte in Hessen oder Nordrhein-Westfalen habe Gießen sich - trotz der Nähe zu den Kletterwäldern in Wetzlar und auf dem Hoherodskopf - als besonders attraktiv erwiesen. Das liege gar nicht so sehr an den vielen Studenten; Zielgruppe seien in erster Linie Familien. Vor allem gebe es am Waldrand in der Nähe der Klosterruine die unabdingbaren Voraussetzungen. Das sind zunächst ältere, stabile Bäume mit der nötigen Dicke, die anderswo oft längst gefällt seien. Nötig seien außerdem Anfahrts- und Parkmöglichkeiten. »Hier passt alles«, so Spindler, dessen Familie in der Nähe Gießens lebt.
Keinesfalls würden die Bäume beschädigt, betont er: »Wir leben ja davon, dass sie gesund bleiben.« Das spezielle Befestigungssystem komme ohne Bohrungen an den Pflanzen aus. Ein größeres Problem aus Naturschutzsicht sei die Verdichtung des Bodens. Doch das Unternehmen tue viel dafür, dass das Wasser weiterhin gut versickern kann, etwa durch schmale und mit Bohlen abgedeckte Wege am Boden. Gesorgt sei auch für die Sicherheit der Besucher. In Gießen solle von Anfang an ein neues Anseil-System installiert werden, das das Unternehmen in den nächsten Wochen einführen werde. Der Kunde bleibe dann die ganze Zeit fest angehängt, sagte Spindler.
Forest Adventures rechnet mit 20 000 bis 25 000 Besuchern im Jahr am Schiffenberg. Sie zahlen zwischen acht und fünfzehn Euro Eintritt. Unterschiedlich schwierige Parcours sorgen für Abwechslung. In Gießen seien einige Besonderheiten geplant, so Spindler, Genaueres wolle er aber noch nicht sagen. Für die Nutzung genüge eine durchschnittliche körperliche Fitness, spezielle Klettererfahrung sei nicht notwendig. Neben drei Vollzeit-Arbeitsplätzen sollen außerdem Jobs für rund 30 »geringfügig Beschäftigte« entstehen. Eine Kletterwald-Saison dauert in der Regel von April bis Oktober. Im Winter bleiben die Installationen zwischen den Bäumen; sie würden aber vor Vandalismus und Betreten geschützt, so Spindler.
Ein Blick in das jüngere Archiv dieser Zeitung zeigt: Die bestehenden Kletterwälder in der Region sind schnell ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Vereine, Kollegenkreise, Schulklassen oder Jugendgruppen berichten vom besonderen Gemeinschaftserlebnis zwischen grünen Wipfeln. Stadtrat Harald Scherer sieht in dem umweltpädagogischen Aspekt ein weiteres Plus des Vorhabens. »Ein Kletterwald bringt Kindern und Jugendlichen die Natur näher.«