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Empfehlungen für die Gießener Innenstadt

Artikel vom 11.03.2010 - 22.50 Uhr

Empfehlungen für die Gießener Innenstadt

Gießen (kw). Ein Fremder hat in der Gießener Innenstadt geparkt und möchte etwas trinken. Aber wo? Um eine Empfehlung zu bekommen, zückt er sein Multifunktions-Handy und erfährt, dass es gleich um die Ecke guten Kaffee geben soll. Dass solche Bewertungen im weltweiten Datennetz auch zu zahlreichen Gießener Dienstleistern zu finden sind, ist unter anderem Manuel Heinrich zu verdanken. »Ich möchte zeigen, welche Perlen es hier gibt«, erklärt der 35-Jährige im AZ-Gespräch.
Wo gibt es in der Nähe der AZ-Redaktion in der Marburger Straße eine gute Pizza? Das findet Manuel Heinrich per Handy heraus.
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Wo gibt es in der Nähe der AZ-Redaktion in der Marburger Straße eine gute Pizza? Das findet Manuel Heinrich per Handy heraus.
Ob Kneipe oder Apotheke, Restaurant oder Supermarkt: Was Manuel Heinrich davon hält, kann jeder Interessierte im Internet unter www.qype.com nachlesen. Gut 120 Einrichtungen hat er dort bewertet. Vernichtende Urteile sind nicht dabei, denn: »Qype ist dazu da, Empfehlungen zu geben. Wenn mir etwas gar nicht gefällt, schreibe ich im Zweifelsfall nichts.« Zwar findet sich auch von »emha« - so sein Pseudonym - der Satz: »Ich war jetzt zweimal da und werde wohl nicht mehr hingehen.« Aber: »Die Kritik ist immer konstruktiv gemeint«, betont der Ökotrophologe, der als Pressesprecher arbeitet.

Tatsächlich erfährt der Leser aus seinen Texten nicht nur, ob am Seltersweg-Imbiss die Pommes schmecken, sondern auch, dass man dort immer ein nettes Schwätzchen halten oder einfach in Ruhe die Passanten beobachten kann. In einem Restaurant müssen junge Eltern den Kinderwagen über Stufen hieven, in einem anderen ist »die Akustik des Raumes überhaupt nicht optimiert«, die »lebendigen Osterglocken« auf den Tischen werden genauso registriert wie der »etwas trockene Reis« zum Fischspieß oder die Pizza, die »schmeckte wie eine Tiefkühlversion«. Wenn dann noch Bewertungen anderer Kunden dabei sind, kann sich der Leser ein gutes Bild davon machen, ob ihm selbst eine Gaststätte gefallen würde. In Gießen allerdings kommt nur selten eine zweistellige Zahl an Stimmen zusammen, mitunter ist Manuel Heinrichs die einzige. In Großstädten sorgen »sehr aktive Communities« oft für Dutzende von Beiträgen zu einem Laden.

»Ich war schon immer neugierig und habe auf Neueröffnungen geachtet«, erklärt der »Überzeugungs-Wahl-Gießener«, der aus dem Berchtesgadener Land stammt. Doch seit er »Qyper« ist, achte er noch aufmerksamer als früher auf »Essen, Einrichtung, Service und Preis-Leistungs-Verhältnis«. Vor dreieinhalb Jahren stieß er auf die Seite, die ihn mehr überzeugte als andere dieser Art. Seinen ersten Text schrieb er über die Kult-Disco »Scarabée«. Am Anfang stand die Jagd nach Punkten im Vordergrund, die das Portal an besonders aktive Bewerter vergibt. Inzwischen hat sich seine Motivation für das ungewöhnliche Hobby verschoben: Erstens »sehe ich mich als jemanden, der Fremden in der Stadt weiterhilft, nette Orte zu entdecken«. Zum anderen wolle er Gießener, die ihre Stadt seiner Meinung nach viel zu oft »kleinreden«, auf die individuellen Geschäfte und die »ausgeprägte Ausgehszene« aufmerksam machen. Auf keinen Fall empfehle er Läden, »um Vorteile zu bekommen«. Zwar erfahre er manchmal von den Unternehmern - wie auch von anderen Nutzern -, dass die sein Urteil schätzen. Doch: »Ich bin nicht bestechlich.«

Wenn ihm eine Einrichtung gefällt, will Manuel Heinrich sie anderen empfehlen: Neben Betrieben gilt das etwa auch für »Eltern helfen Eltern« (»Wenn es den Verein nicht gäbe, dann müsste man ihn erfinden«), die »Campus-Blutspende« (»beispielgebenden Aktion«), den Kirchenladen (»eine gute Idee«) oder die Stadtbibliothek, die endlich Abschied genommen habe von »qualvoller Enge, seltsamer Aufstellung und altem Mobiliar« im Kongresshallen-Bau. Auch was der 35-Jährige im Urlaub oder beim Sonntagsausflug erlebt hat, ist gelegentlich im Netz nachzulesen, vom Bäcker auf Teneriffa bis zum Modellbahnhof Stockheim.

Seine drei Lieblingsorte in Gießen? Lange nachdenken muss Manuel Heinrich nicht: »Das Dach-Café! Da habe ich früher immer Leute hingeführt. Ich bin gespannt, was jetzt daraus wird. Es klingt sehr vielversprechend.« Dann: Die große Mensa am Philosophikum mit ihrem »besonderen Flair. Es gibt Leute, die sieht man da seit 15 Jahren jeden Tag.« Und schließlich »Flanieren an der Lahn. Ich freue mich auf die Landesgartenschau. Die Stadt stärker zu ihrem Fluss hin öffnen: Das ist überfällig.«

 

Stichwort: Qype

Qype.com (sprich kwaip) ist ein Empfehlungsportal und Stadtmagazin im Internet. Registrierte Mitglieder bewerten Betriebe, Orte und Dienstleistungen - von der Tankstelle über die Arztpraxis bis zum Sportverein. »Von Nutzern für Nutzer« erreicht das vor fünf Jahren gestartete Portal nach eigenen Angaben in mehreren Ländern derzeit über zehn Millionen User. Jede Minute entstehen demnach drei neue Beiträge. Der Name Qype setzt sich aus den Begriffen »Quality« und »Hype« zusammen.

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Artikel vom 11.03.2010 - 22.50 Uhr
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