Im Stadttheater stieß das Neujahrskonzert im Zeichen des Dadaismus beim Publikum auf geteilte Resonanz: Erst gab es Buhrufe, dann verließen einige Besucher vorzeitig die Veranstaltung.
Michael Quast (l.) und Carlos Spierer machen es sich bei Tee und Gebäck gemütlich. (Foto: Wegst)
Als Alfred Jarry am Ende des 19. Jahrhunderts den Dadaismus auf dem
Theater etablierte und seinen König Ubu das Wort »Merdre« kreieren
ließ, woraus dann im Deutschen »Schreiße« wurde, begann der Skandal,
der sich am Neujahrsabend in gewisser Weise im Stadttheater fortsetzte. Damit könnte es eigentlich sein Bewenden haben mit der Berichterstattung über die Inhalte eines umstrittenen Konzertes, wäre da nicht die grandiose Musizierkultur einer Städtischen Philharmonie unter Generalmusikdirektor Carlos Spierer, die einen freudig bewegte und die einen an einem 1. Januar darin bestätigte, dass auch in der sogenannten »Provinz« Höchstleistungen zu erwarten sind. Bravo!
Der Intendantin Cathérine Miville, die in ihrer Ansprache immer die Hoffnung aufs Neue, auf das Gemeinsame in den Vordergrund stellte, stieß auch deutliches und offenes Missfallen entgegen. Wer sich vier Wochen zuvor in die Kälte einer Johannesstraße stellt, eine - für teuer Geld - Eintrittskarte erwirbt, hat Erwartungen. Und diese Erwartungen - hin und her - sind an Neujahr geprägt von dem, was das Fernsehen über Mittag anbietet: das ist Wien, das sind die Philharmoniker, das war diesmal wiederum George Prêtre - und das ist Johann Strauß, ganz egal, ob Vater oder Sohn, das ist schöne blaue Donau oder Radetzky-Marsch.
So war’s aber jetzt in Gießen nicht gewollt. Michael Quast war eingeladen. Das ist der, der im Rhein-Main-Gebiet Dada zelebriert. Das ist aber auch der, der in unserer operettenlosen Zeit ohne Vorbehalte als Jacques-Offenbach-Spezialist gelten darf. Warum um Himmels willen nutzt er das dann nicht, warum geraten nicht die Noten des unterweltlerischen Orpheus, der kriegsauslösenden schönen Helena, des blaubärtigen Ritters auf die Pulte des Orchesters?
Nein, es muss ja Dada sein, und das Publikum wird geradezu aufgefordert, nicht hinzuhören. Und das tut es dann auch. Nach der Pause sieht man viele rote Polster, wo zuvor noch einige saßen, danach suchen manche das Weite, durchaus »Frechheit« rufend. Die Akteure bedienen sich des Beschwichtigens, loben das Publikum ob seines Urteils, freuen sich angeblich über die herben Proteste, sehen darin Offenheit gegenüber dem Angebot. Es wird im nächsten Jahr leichter sein, an Karten zu kommen. Um mit der einst hoch gehandelten Mengenlehre zu sprechen: Die Schnittmenge von Zuhörererwartung und Gebotenem war einfach zu gering, das Interesse an Dada, an Quasts sprachlichen Verrenkungen, klein.
Ein Fauxpas ist es allerdings, wenn eine Besucherin den für die Intendantin gedachten Blumenstrauß wieder mit nach Hause nimmt; da bleibt man doch lieber auf dem Platz sitzen und hält sich bedeckt - zumal sich die Cathérine Miville dann im unteren Foyer offen der Diskussion stellte.
Gut, das Konzert war also "umstritten" und die Erwartungen der Besucher (oder zumindest vieler Besucher) wurden enttäuscht, ob wohl das Orchester hier für seine "Höchstleistung" gelobt wird. Warum nimmt hier die Zeitung nicht wirklich Stellung? Warum entscheidet sie nicht, ob das Dargebotene zum Himmel schreiender Blödsinn und Publikumsverarsche war oder ob das Publikum in der Provinz für die ihm hier gebotenen "Höchstleistungen" der Kultur schlicht und einfach zu dumm ist? Ich ärgere mich, dass ich dieses Konzert verpasst habe und mir nicht selbst ein Urteil bilden konnte - doch ich würde mir wünschen hier würde die Presse ihren Job machen und ein qualifiziertes Urteil fällen!
Das BID Marktquartier will dauerhaft ein Kinderkarussell auf den
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Ich ärgere mich, dass ich dieses Konzert verpasst habe und mir nicht selbst ein Urteil bilden konnte - doch ich würde mir wünschen hier würde die Presse ihren Job machen und ein qualifiziertes Urteil fällen!