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Eine zutiefst nostalgische und sentimentale Sache

Artikel vom 17.10.2008 - 13.54 Uhr

Eine zutiefst nostalgische und sentimentale Sache

Es lag ein Hauch von Ironie in der Luft, als Dagmar Klein für den Vorstand des Oberhessischen Geschichtsvereins die neue Vortragsreihe am Mittwochabend im Netanyasaal des Alten Schlosses eröffnete. Ausgerechnet zu einem Vortrag zum Thema Fußball waren kaum Besucher erschienen, denn etwa gleichzeitig trug die Nationalmannschaft ihr WM-Qualifikationsspiel gegen Wales aus.
Umso herzlicher begrüßte Klein den eigens aus dem Allgäu angereisten Referenten und die überschaubare Zahl der Gäste, die sich für das von Dr. Markwart Herzog gewählte Thema »Fußball und Memorialkultur« interessierten. Klein stellte den Referenten als profunden Kenner des deutschen Fußballs wie der Memorialkultur vor. Dr. Herzog arbeitet nach dem Studium von Philosophie, Theologie und Kommunikationswissenschaft als wissenschaftlicher Referent an der Schwabenakademie in Irsee. Sein Hauptaugenmerk gilt dem »Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus«, so auch der Titel seiner neuesten Veröffentlichung.

Der Referent verwies auf die Anfänge großer Vereine, die zu einem großen Teil bis zum 19. Jh. zurückreichen. Beim Rückblick in Festschriften werde die Vereinsgeschichte oft in nostalgischem Licht verklärt und nehme natürlich vor allem Bezug auf große Erfolge und tragische Niederlagen. Jeder größere Verein verfüge zudem über eine Art »Ruhmeshalle«

Intensiv widmete sich Herzog einer besonderen Form der Memorialkultur, die erst 1999 bei den Glasgow Rangers ihren Anfang nahm und auch vom Lokalrivalen Celtic gepflegt wird: den »memorial bricks« (etwa »Erinnerungs- oder Gedenksteine«). Auf diesen Ziegeln, die für 40 Pfund erworben werden können und auf die Außenmauer des Stadions am Ibrox Park betoniert werden, können Fans ihre Vereinstreue bekunden. Der Umstand, dass dieses Angebot vom Anbieter des Rangers-Lottos gemacht wird, zeigt die Verbindung von Memorialkultur und Ökonomie: »Be a part of Ibrox forever« oder »Some names will live on Ibrox forever, your's can too«, so die Werbepsrüche.

Als Voraussetzung für diese Art Erinnerungskultur nannte der Referent Faktoren wie einen kontinuierlichen Spielbetrieb, einen überschaubaren Vorstand, eine mit der jeweiligen Liga kooperierende Organisation und den Umgang mit den Medien. Fußball sei im besten Sinne des Wortes eine »zutiefst serntimentale und nostalgische Angelegenheit«.

Von Sentimentalität konnte bei der totalitären NS-Propaganda,der sich der Vortragende ebenfalls widmete, keine Rede sein. Hier wurde genau das Gegenteil betrieben, nämlich die »damnatio memoriae«, der Versuch, alles zu löschen, was an Menschen erinnerte, die nach Ansicht der Nazis keinen Anspruch darauf hatten, im Gedächtnis weiterzuleben, weil sie Juden waren. Herzog verdeutlichte diese Erinnerungsvernichtung an einem Sammelalbum von 1939 und dessen Rerint im letzten Quartal des 20. Jhs. Gewürdigt werden sollten die deutschen Nationalspieler, wie es in der Sprache der Zeit hieß »jene Männer, die einst das Trikot der deutschen Nationalmannschaft in Ehre getragen« haben. Ausgelöscht wurden die Namen Gottfried Fuchs und Julius Hirsch, wobei Gottfried Fuchs 1912 beim Rekord-Länderspielsieg gegen Russland von 16:0 allein zehn Tore erzieltte. Fuchs konnte noch nach Kanada emigrieren, während Hirsch in Auschwitz ermordet wurde. Gleichzeitig stellte der Referent klar, dass diese Form der Erinnerungsvernichtung keine Erfindung der Nazis war, sondern bereits in die römische Kaiserzeit und nach Mesopotamien zurückreiche.



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