Gießen (if). Prof. Padberg forderte vor Medizinsenioren ein Umdenken in der Gesundheitspolitik.
Plädoyer gegen das Rauchen: Prof. Padberg
Dreimal darf geraten werden: »Dumm und unfähig zum Denken und Dichten« mache es, und es liege »eine arge Unhöflichkeit darin«. Worum geht es – und wer hat es gesagt? Die Gießener Medizin-Senioren wissen das spätestens seit ihrer jüngsten Vorlesung, bei der sie Prof. Winfried Padberg zu Gast hatten: Es war unser aller Großdichter, der Geheimrat von Goethe, der bereits vor zweihundert Jahren solcherart gegen das Rauchen wetterte. Es »verpeste die Luft« und ersticke »jeden honetten Menschen«. Genützt hat das Donnerwetter des Dichterfürsten indes bis heute nicht. Der Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Gießen – einer ihrer Schwerpunkte ist die Thoraxchirurgie – bezeichnete das Rauchen als »größtes vermeidbares Gesundheitsrisiko«. Mit der unbestreitbaren Autorität dessen, der täglich im OP mit den beklagenswerten Folgen konfrontiert wird, befand er im großen Anatomischen Hörsaal: »Rauchen ist für ein Drittel aller Krebse verantwortlich. Es ist nicht ›cool‹ und ›Lifestyle‹, sondern eine Abhängigkeitserkrankung, die verhindert werden sollte.«
An dieses Statement knüpfte der Lungenchirurg Padberg die grundsätzliche Forderung nach einem energischen Umdenken in der Gesundheitspolitik: Die Raucherentwöhnung müsse stärker gefördert, Ärzte in die Raucherbehandlung verstärkt eingebunden werden. Mit einem Brillantfeuerwerk von Daten aus jüngsten Statistiken stützte er diesen Appell: Jeder dritte Deutsche raucht. 30 Prozent aller Deutschen konsumieren pro Tag rund 300 Millionen Zigaretten, 66 Tonnen Feinschnitt und zwei Tonnen Pfeifentabak. Die 12 000 chemischen Verbindungen im Tabakrauch »davon 2000 Giftstoffe«, werden für 140 000 Todesfällen pro Jahr direkt verantwortlich gemacht. Gehäufte Schlaganfälle, Bluthochdruck und Herzinfarkt werden ebenso damit in Verbindung gebracht wie Lungen-, Speiseröhren-, Magen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Kinder von Raucherinnen kommen oft untergewichtig zur Welt. Später sind sie anfälliger für Asthma. Depressionen und Impotenz werden dem Rauchen ebenso angelastet wie mancher unerfüllte Kinderwunsch. Alles in allem: »Raucher sterben im Durchschnitt zehn Jahre früher als Nichtraucher«, zitierte Padberg die Statistik.
Fiele doch der Wunsch, angesichts dieser erdrückenden Argumente auf die »Fluppe« zu verzichten, nicht so schwer. Von jeweils hundert, die es sozusagen »auf eigene Faust« versuchen, bleiben nach einem Jahr nur fünf übrig, die noch abstinent sind. Selbst bereits Erkrankte, so weiß der Chirurg aus eigener Erfahrung, erliegen zu einem hohen Prozentsatz der Gefahr, rückfällig zu werden. Also gar nicht erst anfangen? Dem steht die jüngste Entwicklung gegenüber: Die Kids fangen immer früher an, ist doch der Zugang zur Zigarette alles andere als schwierig, wie eine Umfrageaktion bei über sechshundert Schülern in Ehringshausen ergeben hat. Während zwar der Prozentsatz der Raucher geringfügig rückläufig ist, holen derweil die Raucherinnen auf. Apropos Frauen: wenn es ans Aufhören geht, zeigen Frauen um die Siebzig unter allen Gruppen die geringste Motivation. Dabei spielen offenbar die im Mittelhirn angesiedelten speziellen Rezeptoren des »mesolimbischen dopaminergen Systems«, die sich im Laufe einer Raucherkarriere vermehren und Abhängigkeit begünstigen, eine Rolle.
Wer aufhört, so Prof. Padberg, wird belohnt: Schon nach 14 Stunden sinkt das Risiko des Herztodes, nach drei Monaten ist die Lungenkapazität um dreißig Prozent gestiegen, nach zwei Jahren hat sich das Risiko, einen Lungenkrebs zu entwickeln, halbiert, und nach zehn Jahren Abstinenz ist es schließlich wieder wie das eines Nichtrauchers. Die Hörer – unter ihnen nach eigenem Bekunden ohnehin nur drei »aktive Raucher« - vernahmen es mit einer gewissen Genugtuung. Umso erstaunlicher übrigens danach dann der Anblick der Kippen im großen »Aschenbecher« vor den Türen der Anatomie: Bei hundertzweiundzwanzig wird es unübersichtlich. Gehen hier nicht tagtäglich Medizinstudenten, die Ärzte der Zukunft, ein und aus? (Foto: Schepp)
Das BID Marktquartier will dauerhaft ein Kinderkarussell auf den
Marktplatz stellen. Damit soll die Trinkerszene verdrängt werden. Was
halten Sie davon?