"Chance 2010": Vor allem Jugendliche holten sich Denkanstöße
Gießen (srs). Gut 4000 Menschen haben am Wochenende die Aus- und Weiterbildungsmesse »Chance 2010« besucht. Zwischen Freitag und Sonntag zogen überwiegend Schüler, oft mit Mutter oder Vater im Schlepptau, durch die Hessenhallen. Die Jugendlichen informierten sich an Ständen über Berufsmöglichkeiten, begegneten Unternehmern in Einzelgesprächen und bewarben sich für Praktika und Ausbildungsstellen.
Mineralwasser beim Gründercafé - die Unternehmer (v.l.) Holger Dietz, Dr. Frank Schneider, Maike Döring, Dr. Barbara Högy und Theodor Strippel schilderten ihre Erfahrungen. (Foto: srs)
»Berufsorientierung ist Arbeit«, betonte Heike Scherneck von der Gießener Agentur für Arbeit im Gespräch mit der AZ. Eigene Interessen und Fähigkeiten sowie das Berufsangebot seien sorgfältig miteinander abzuwägen. »Eine solche Messe bietet da sicher Denkanstöße.«
In welche Richtung es gehen soll, darauf hat sich Laura Mühlich bereits festgelegt. »Der Bereich Medizin interessiert mich.« Welchen beruflichen Weg sie nach dem Abitur genau verfolgen will, weiß die 18-Jährige allerdings noch nicht. »Das ist eine Entscheidung, die beeinflusst das ganze Leben«, ist sie sich bewusst. Am Sonntag schlenderte sie mit ihrer Mutter durch die Hessenhallen, informierte sich unter anderem beim Deutschen Roten Kreuz. »Über Rettungs- und Sanitätsdienst habe ich mehr erfahren«, erklärte sie anschließend, das könne sie sich auch vorstellen. Auf Nachfrage äußerten sich Besucher angesichts eines breiten Angebots von 101 Ausstellern weitgehend zufrieden. »Vielleicht muss man die Schüler noch direkter ansprechen«, wandte Julia Gerlach ein, selbst Lehrerin. »Jugendliche sind oft schüchtern, trauen sich nicht an die Stände.« Im nächsten Jahr wolle sie mit einer Klasse die Messe besuchen.
Vor dem Eingang zu den Hessenhallen stand während des Wochenendes ein 37 Tonnen schwerer Laster: der sogenannte »Nanotruck« des Bildungsministeriums, in dem interaktive Exponate in die Nanotechnologie einführen. Abiturienten der Liebigschule gestalteten darin am Samstag das Programm aktiv mit. Sophia Handrick klärte in Anwesenheit von Dr. Helge Braun, Staatssekretär im Bildungsministerium, in einem Vortrag über die Magnetfeld-Hyperthermie-Therapie gegen Krebs auf, bei der biologisch beschichtete Nanopartikel an eine Krebszelle gebunden werden, um sie zu zerstören. Anschließend präsentierte Prof. Norbert Hampp von der Universität Marburg eine maßgeblich von ihm entwickelte neue Behandlung des Grauen Stars, bei der die getrübte Linse durch eine künstliche ersetzt wird. In dieser Linse enthaltene Arznei werde mithilfe von Laserstrahlen freigesetzt. Berufe in den Bereichen Technik und Naturwissenschaften seien »Motor für Wohlstand und Wachstum«, hielt Braun fest. Gerade in diesen Feldern aber blieben mehr und mehr Studienplätze unbesetzt. An der FH Gießen-Friedberg sei dies indes nicht festzustellen, berichtete Jutta Müller, Leiterin der Zentralen Studienberatung. Ab Wintersemester 2010 werde es an der FH erstmals einen Numerus Clausus für Maschinenbau geben.
In Halle 3 präsentierten sich die Handwerkskammer Wiesbaden sowie mehrere Gießener Innungen. Stolz zeigten Zimmerer das Modell eines Pavillons, das Jugendliche der Theodor-Litt-Schule sowie aus Gödöllö im vergangenen Herbst erbaut hatten. In weißer Bäckerskluft reichte Kreishandwerksmeister Walter Kwartnik Streuselkuchen. Ihn beschäftigt der demografische Einbruch. »In wenigen Jahren werden sich die Betriebe um jeden Bewerber reißen.« Für die Unternehmen gelte es daher bereits jetzt, sich aufzustellen. Nebenan stellte Timo Oertel von der hiesigen Friseur-Innung klar, dass der Mindestlohn für die Friseure in Hessen aufgrund einer allgemein verbindlichen Tarifbindung kein derart schweres Problem darstelle wie »die 10-Euro-Salons«, bei denen die Arbeitskräfte zum großen Teil vom Arbeitsamt finanziert würden.
Im Rahmen eines »Gründercafés« schilderten junge Unternehmer ihre Erfahrungen, das eigene Berufsleben selbst in die Hand zu nehmen. An der Gesprächsrunde beteiligte sich auch der Gießener Theodor Strippel, der in diesem Sommer ein integratives Sport- und Gesundheitszentrum in der ehemaligen Dulles-Siedlung eröffnen will. Die Einrichtung soll auch für Rollstuhlfahrer nutzbar sein, die Turnhalle der einstigen »Middle School« werde für dieses Vorhaben ausgebaut. Die Unterstützung der Stadt und der Wohnbau Gießen GmbH wisse er hinter seinem Rücken, wie auch der im Publikum sitzende Wohnbau-Geschäftsführer Volker Behnecke bestätigte. Das integrative Sportzentrum werde zur Etablierung eines neuen »lebhaften Stadtteils« beitragen, hielt Behnecke fest.