Gießen (fd). Im Botanischen Garten läuft nach dem langen Winter die Vorbereitung auf den Saisonstart auf Hochtouren. Ein bisschen geholfen hat dabei auch der Orkan.
Große Rechen helfen beim Frühjahrsputz im Botanischen Garten, der am 19. März öffnen wird. (Foto: pv)
Fast zwölf Meter ragten die beiden Thuja-Bäume in die Luft, bevor sie am Sonntag von Orkantief »Xynthia« abgeknickt wurden. »Auch wenn der Botanische Garten den Sturm nicht ganz unbeschadet überstanden hat, kam uns ›Xynthia‹ dennoch sehr gelegen«, sagt Holger Laake, Technischer Leiter der Einrichtung: Denn der Orkan riss zwar die beiden Thujen aus dem Boden, wehte aber auch jede Menge abgestorbenes Gehölz aus vielen Baumkronen - eine Arbeit, die ansonsten wie jeden Frühling in mühsamer Schneidearbeit von Kletterern hätte gemacht werden müssen. Bis der Botanische Garten am 19. März seine Tore wieder für Besucher öffnet, gilt es für Laake und seine Mitarbeiter, die Hinterlassenschaften eines besonders langen Winters zu beseitigen. Der »Frühjahrsputz« läuft auf Hochtouren.
»Jeder Regentag ist für uns zur Zeit ein verlorener Tag«, hofft Laake auf trockene nächste Wochen. Denn bei durchweichtem Boden können seine Mitarbeiter kaum die befestigten Wege verlassen, um in den Freiflächen das letzte Laub und Überreste von »Xynthias« Hilfsarbeit abzurechen oder die Bäume zurückzuschneiden. »Man würde im Schlamm mehr Gräser, Blumen und Frischlinge zerstören, als wir verantworten können«, so der Technische Leiter über Gefahren bei den momentanen Arbeiten. Einzig das Beschneiden der Pflanzen auf der kleinen Insel im Teich sei bereits abgeschlossen.
Einige Mitarbeiter hatten die kältesten Tage des Winters und die zugefrorene Wasseroberfläche genutzt, um das Eiland bequem erreichen und die dortigen Gräser und Bäume stutzen zu können.
Während Laake und seine Mitarbeiter also die größten Teile des Botanischen Gartens herrichten und Schneeglöckchen und Winterlinge bereits großflächig sprießen, liegen weite Flächen des Alpinums mit seinen Hochgebirgspflanzen noch unter einer weißen Schicht verborgen. »Wir haben die weißen Stoffbahnen im Herbst über den Beeten ausgelegt, um so eine Schneedecke zu imitieren, die in Gebirgen viel länger geschlossen bleibt als bei uns«, erklärt Laake. Der Stoff schützt die Hochgebirgspflanzen nicht etwa vor Kälte, sondern vor größeren Sonneneinstrahlungen und verhindert so das vorzeitige Austreiben. »Dann würden die Pflanzen nämlich auch Wasser verdampfen, das sie über den gefrorenen Boden aber noch nicht wieder aufnehmen können«, so der Technische Leiter. Die Konsequenz wären ausgetrocknete Pflanzen. Denn was im Volksmund häufig als Erfrieren bezeichnet wird, sei in Wahrheit ein Verdursten.
Die ersten weißen Stoffbahnen konnten vor einigen Tagen endlich wieder entfernt werden. »Der Winter war zwar nicht außergewöhnlich kalt, aber besonders lang und hartnäckig«, so Laake. Dennoch bleibe nichts auf der Strecke: Bereits jetzt sind die Eichhörnchen auf Partnersuche, drei Entenpaare ziehen auf dem Teich gemächlich ihre ersten Bahnen und sogar einige Molche wurden schon beobachtet. »Es geht wieder los«, freut sich Laake.
Und so hat auch die Aussaat im Botanischen Garten bereits begonnen: Nachdem im Sommer die Samen von rund 500 Arten eingesammelt wurden, hatten zahlreiche Mitarbeiter von November bis Januar die Keime geputzt, sortiert, beschriftet und verstaut. »Wenn im winterlichen Garten nicht viel zu tun ist, schicke ich meine Leute nicht in den Zwangsurlaub, sondern zum Samenputzen«, erklärt Laake. Herausgekommen ist wie in jedem Winter nicht nur eine große Sammlung für den Frühling, sondern auch ein umfangreiches Verzeichnis, das an fast alle anderen Botanischen Gärten der Welt verschickt wird. Weil jede Einrichtung für botanische Lehre und Forschung eine entsprechende Auflistung erstellt, beginnt im Frühjahr dann der »internationale Samenaustausch« zwischen den verschiedenen Institutionen. Hunderttausende Keime, verpackt in kleine weiße Tüten, werden so quer über den Globus verschickt und zwischen den Botanikern getauscht. In diesem Jahr freuen sich Laake und seine Mitarbeiter aus Gießen insbesondere, Samen nordamerikanischer Prärie- und osteuropäischer Hochgebiergspflanzen aussähen zu können.
Am 19. März öffnet der Botanische Garten seine Tore wieder für Besucher. Bis dahin soll der »Frühjahrsputz« abgeschlossen sein.
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