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Betrügereien bei Medizinstudien nachgewiesen

Artikel vom 16.08.2012 - 08.03 Uhr

Betrügereien bei Medizinstudien nachgewiesen

Gießen (si). Der ehemalige Gießener Medizinprofessor Joachim B. hat bei wissenschaftlichen Studien massiv betrogen – und darüber hinaus ahnungslosen Patienten ohne deren Zustimmung Medikamente verabreicht.

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Das hat eine Fachkommission des Ludwigshafener Klinikums ermittelt, wo der heute 57-Jährige bis zu seiner Entlassung im Dezember 2010 als Anästhesie-Chefarzt arbeitete. Bis Februar letzten Jahres war er zudem außerplanmäßiger Professor am Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität, wo er seine Karriere begonnen hatte. Von einem »Fälschungs-Tsunami«, der in der deutschen Hochschulmedizin bisher ohne Beispiel sei, sprach der Kommissionsvorsitzende Prof. Eike Martin, nachdem Experten die Akten im »Fall B.« eineinhalb Jahre lang akribisch aufgearbeitet hatten. Noch nicht abgeschlossen sind die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Mann. Hier lautet der Verdacht auf Körperverletzung, Betrug und Urkundenfälschung. Das Klinikum in Ludwigshafen prüft außerdem Regressansprüche gegen den Anästhesisten.

Die Kommission untersuchte 91 Publikationen, die B. zwischen 1999 und 2011 veröffentlich hatte. Zugrunde lagen beispielsweise Versuchsreihen, bei denen Patienten während einer Herzoperation ein Medikament erhielten und B. die Reaktionen beobachtete. Kein einziger Patient sei gefragt worden, ob er damit einverstanden sei – obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Auch habe B. keine einzige Studie bei der Ethikkommission der Landesärztekammer angemeldet und sich damit ebenfalls über geltendes Recht hinweggesetzt, stellte die Arbeitsgruppe fest.

Patienten waren ahnungslos



Wie viele Patienten und Probanden für die Studien des Chefarztes herhalten mussten, ließ sich nicht vollständig klären. Identifizieren konnten die Mediziner 503 Betroffene. Bleibende Gesundheitsschäden habe offenbar keiner von ihnen erlitten. Auch seien die verabreichten Medikamente zugelassen gewesen. Ein abschließendes Urteil könne es jedoch nicht geben, weil etliche Unterlagen nicht mehr auffindbar gewesen seien, so das Expertengremium. Es geht davon aus, dass die medizinischen Testreihen – sofern sie tatsächlich stattgefunden haben und nicht nur erfunden wurden – am Klinikum in Ludwigshafen gelaufen sind. In mindestens zehn Studien waren Zahlen nachweislich gefälscht, etwa zum Alter der Patienten. Tatsächlich habe es wohl noch viel mehr Manipulationen gegeben, vermutet die Fachkommission.

Ob B. auch in anderen Kliniken Medikamente an ahnungslosen Patienten getestet bzw. Daten erfunden hat, lässt sich mit dem jetzt vorgelegten Untersuchungsergebnis weder bestätigen noch widerlegen – und zwar schon deshalb, weil nur Arbeiten aus der Zeit ab 1999 berücksichtigt wurden. Sicher ist, dass B. bis Ende 1995 – als er hauptberuflich am Gießener Klinikum tätig war – auch hier zahlreiche Studien mit ähnlicher Fragestellung wie später in Ludwigshafen durchgeführt und Ergebnisse veröffentlicht hat. Die US-Webseite »biomedexperts.com« weist für B. allein bis Ende 1995 über 120 Publikationen aus (bei 344 Veröffentlichungen insgesamt).

Soweit sie die Justus-Liebig-Universität bzw. ihr Klinikum betreffen, sind die allermeisten Unterlagen dazu verschwunden. Die Universität Gießen hat bis heute beispielsweise in keinem einzigen Verdachtsfall die Einwilligung von Patienten zu Versuchsreihen finden können.

Verdacht auch bei Doktorarbeiten



Untersucht hat die JLU den »Komplex B.« unter anderem über fünf von B. betreute Dissertationen, die am Fachbereich Medizin entstanden sind. Darunter ist eine noch relativ frische, erst 2005 angenommene Arbeit. Die zugrunde liegende Studie lief vermutlich schon 1993/94 unter Beteiligung von B. am Gießener Klinikum. Damals hatten 60 schwerkranke Patienten im OP wohl völlig ahnungslos den umstrittenen Blutplasma-Ersatzstoff HSE verabreicht bekommen. Der Fachbereich prüft nun schon seit weit über einem Jahr, ob dem 2005 promovierten Arzt der Doktortitel entzogen werden muss. Das Gleiche droht einer Frau, die – von B. betreut – 1998 in Gießen den Dr. med. bekommen hatte. In beiden Fällen geht es um den Vorwurf der Datenmanipulation.

Der ehemalige Chef-Anästhesist hat an der Justus-Liebig-Universität keine Konsequenzen mehr zu befürchten. Für ihn ist die Sache hier ausgestanden, seit ihm die JLU im Vorjahr den Professorentitel aberkannt hat.

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Artikel vom 16.08.2012 - 08.03 Uhr
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