Gießen (pd). So mancher neugierige Passantenblick wanderte am Montagmittag zu der kleinen Bühne am Kirchenplatz. Im Sonnenschein hatte man zwei rote Sofas platziert, auf denen eifrig diskutiert wurde.
Auf dem Sofa am Fuße des Stadtkirchenturms diskutierten (v. l.) Gerhard Merz, Moderatorin Anne Heitmann und Thorsten Becker über das Thema Betreuung. (Foto: Schepp)
Fünf Gesprächsrunden mit wechselnder Besetzung widmeten sich im Rahmen der vom Bundesverband der Berufsbetreuer/innen (BdB) organisierten Kampagne »Sozial & Fair« (SoFa) verschiedenen Aspekten der rechtlichen Betreuung.
»Die Anforderungen an Berufsbetreuer steigen«, mahnte beispielsweise Gerhard Merz eine Verbesserung der Qualität auf dem Betreuungssektor an. Aufgrund der demografischen Entwicklung werde es künftig mehr zu betreuende Menschen geben, wies der familien- und kinderpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion auch darauf hin, dass beispielsweise die Zahl der Demenzkranken und der psychischen Erkrankungen zunehmen werde. Eine Anerkennung festgelegter Betreuungsstandards im gesetzlichen Rahmen forderte Thorsten Becker. Der Gießener Berufsbetreuer, der auch Mitglied im BdB-Bundesvorstand ist, nannte die Qualität der Betreuung grundsätzlich gut, forderte aber bessere finanzielle Rahmenbedingungen und mehr Zeit zur Betreuung. Die vorgesehene Betreuungszeit liege bei 3,5 Stunden pro Monat. »Das ist zu wenig«, so Becker. Ein Betreuungsverhältnis bestehe in der Regel nicht auf Lebenszeit, verdeutlichte das BDB-Vorstandsmitglied. Betreuer seien immer nur »Manager auf Zeit«. Dass man die Zeit der Betreuung auch nutzen kann, um sich wieder zu stabilisieren, schilderte ein Betroffener. Für Jürgen Gottstein geht Ende November das Betreuungsverhältnis zu Ende. Vor sechseinhalb Jahren habe er einen »sozialen Zusammenbruch« erlitten, berichtete der Mitarbeiter der Lebenshilfe, der sich darauf freut, bald als »freier Mann mein Leben selbst zu gestalten«. Für Gottstein hatte die Zeit der Betreuung einen »partnerschaftlichen Charakter«. Er habe in den vergangenen sechseinhalb Jahren gelernt, sich aus »totaler Abhängigkeit« zu lösen.
Für mehr Möglichkeiten, Menschen mit so genannter geistiger Behinderung stärker ins Leben einzubeziehen, sprach sich Maren Müller-Erichsen aus. Die Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe Gießen verwies auf die UN-Behindertenkonvention, die Menschen entsprechende Freiräume in Fragen der Wohnung und der persönlichen Begleitung und Assistenz einräumt. »Berufsbetreuer sind prädestiniert dafür, diese Assistenz zu leisten«, bekräftigte Harald Kalteier. Oft scheitere die Umsetzung solcher Konventionen allerdings am mangelnden Willen der zuständigen Verwaltung, kritisierte der Betreuer aus dem Raum Hadamar. Den Fragen von Moderatorin Anne Heitmann stellten sich außerdem Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, Awo-Geschäftsführer Werner Schäfer-Mohr und Joachim Evenius, Leiter der Heimaufsichtsbehörde beim Amt für Versorgung und Soziales Gießen.