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Bericht aus Haiti: »Das Leid der Kinder schmerzt am meisten«

Artikel vom 05.02.2010 - 17.15 Uhr

Bericht aus Haiti: »Das Leid der Kinder schmerzt am meisten«

Gießen (cg). »Die Medien könnnen nicht annähernd vermitteln, welches Bild sich auf Haiti wirklich zeigt. Es ist eine so unfassbare Katastrophe«. Jean Renel Amesfort ist soeben aus dem Karibikstaat zurückgekehrt.
Jean Renel Amesfort (r.) brachte gemeinsam mit seinen Geschwistern  Hilfsgüter in eine der Zeltlagerstädte für Obdachlose. 	(Fot
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Jean Renel Amesfort (r.) brachte gemeinsam mit seinen Geschwistern Hilfsgüter in eine der Zeltlagerstädte für Obdachlose. (Foto: pv)
Zehn Tage hat der 32-Jährige auf Haiti verbracht, um zu helfen und den Menschen das Geld zu bringen, das er und seine Frau Tina Stockert-Amesfort nach dem Erdbeben gesammelt haben (die AZ berichtete). 10 000 US-Dollar und 33 Kilogramm Medikamente brachte er seinen Landsleuten - ein Tropfen auf den heißen Stein, wie der Psychologe gestern, noch erschöpft von der Reise und gezeichnet von den Eindrücken, einräumte. »Aber ich habe jeweils kleine Summen an wirklich notleidende Menschen verteilt, und für die war das die Rettung. Die Haitianer sind berührt vom Interesse und der Großzügigkeit der Deutschen. Sie sind ihnen unendlich dankbar«. Amesfort will sich künftig beim Wiederaufbau eines Waisenhauses in Port-au-Prince engagieren.

Gestern war Jean Renel Amesfort in der August-Herrmann-Francke-Schule, wo seine Frau als Französischlehrerin tätig ist, zu Gast und berichtete vor Schülern von der aktuellen Situation auf Haiti. Lehrer, Eltern und Schüler haben das Ehepaar und seine Hilfsaktion in den vergangenen Wochen nach Kräften unterstützt. »Die Anteilnahme der Gießener Bevölkerung ist sehr groß, dafür möchten wir uns bedanken«, sagen die Amesforts. Die Familie des 32-jährigen Psychologen, der derzeit ein theologisches Zweitstudium absolviert, hat die Katastrophe überlebt. Eine Cousine kam ums Leben, eine Tante wurde verschüttet und schwer verletzt. »Alle anderen haben auf wundersame Weise überlebt«, sagt Jean Renel Amesfort.

Mit den Verwandten hat er während seines Aufenthaltes gemeinsam im Hof übernachtet. »Manche Häuser stehen zwar noch, aber es traut sich niemand mehr hinein«, sagt er. Es gebe fast täglich Nachbeben, zudem seien die Menschen traumatisiert.

Die hygienischen Zustände seien ebenso unbeschreiblich wie der Gestank, es gebe kaum Wasser, zu wenig zu essen und zu wenig medizinische Versorgung. In manche Stadtviertel von Port-au-Prince seien überhaupt noch keine Hilfstrupps hingekommen. »Es gibt ungeheuer viel Hilfe, aber angesichts des Ausmaßes der Katastrophe reicht es immer noch nicht«.

Zu bedauernswertesten Opfern gehörten die Kinder. »Es schmerzt so sehr, ihr Leid zu sehen«, sagt Amesfort. Schon immer habe es auf Haiti viele arme, elternlose Kinder gegeben. Doch nun sei die Zahl der Straßenkinder unüberschaubar groß. »Ohne Unterstützung werden sie in die Kriminalität getrieben«, weiß der 32-Jährige, der selbst 20 Jahre in Port-au-Prince gelebt hat. Bereits vor dem Unglück hat sich Amesfort über die örtliche Organisation »Kirche Gottes« für ein Waisenhaus in der Hauptstadt engagiert, in dem 70 Kinder gelebt haben. Fünf Kinder und zwei Mitarbeiter sind bei dem Erdbeben ums Leben gekommen, die Gebäude wurden vollständig zerstört. Die Überlebenden wurden evakuiert und leben nun in einem der unzähligen Camps. Das Waisenhaus inklusive Schule soll nun wieder aufgebaut werden. »Wir möchten ein Zuhause für 100 Kinder schaffen«, sagt Amesfort, dem nicht nur die materielle Versorgung der Kinder wichtig ist, sondern der auch den verletzten Seelen helfen möchte. Für ihn ist es klar, dass er bald erneut nach Haiti aufbrechen wird.

Seine Frau Tina hat bei aller Sorge um ihren Mann großes Verständnis für diese Einstellung. »Die Leute brauchen Unterstützung von Menschen, die sich bei ihnen auskennen und die sie als ihresgleichen akzeptieren«. Für weiße Europäer, die guten Willens seien, aber im Grunde nichts wüssten von den geschundenen Seelen eines über Jahrhunderte ausgebeuteten Volkes, sei Hilfe vor Ort auf Dauer sehr schwierig.

Wer das Ehepaar, das in Hüttenberg lebt, unterstützen möchte, kann Kontakt aufnehmen über: amesfort@yahoo.fr. Dass die Schüler den Weg der Amesforts weiter mit großem Interesse begleiten werden, steht nach der gestrigen ungewöhnlichen Unterrichtsstunde außer Zweifel. Die bedrückenden Dias berührten die Jugendlichen ebenso wie die Schilderungen von Jean Renel Amesfort, die von Schülern des Französich-Leistungskurses ins Deutsche übersetzt wurden.

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Artikel vom 05.02.2010 - 17.15 Uhr
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