Gießen (son). Trotz des schweren Schocks durch die Finanzkrise blieb der deutsche Arbeitsmarkt von einem drastischen Arbeitsplatzabbau verschont, obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stark eingebrochen war. Im vergangenen Juni sank die Zahl der Arbeitslosen saisonbereinigt sogar um 21 000 auf etwa 3,15 Millionen. Einige Thesen für dieses »deutsche Sommermärchen am Arbeitsmarkt« lieferte Prof. Joachim Möller.
Prof. Joachim Möller vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sprach an der JLU. (Foto: son)
Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesagentur für Arbeit sprach im Rahmen des wirtschaftswissenschaftlichen Kolloquiums am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Justus-Liebig-Universität über das deutsche »Jobwunder«.
»Wir hatten wirklich mit einem massiven Einbruch der Beschäftigtenzahlen gerechnet«, gab der Experte zu Beginn seines Vortrages zu. Denn die Werte von BIP und Arbeitsmarktentwicklung hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten in ihren Verläufen immer geähnelt.
Einen Hauptgrund für den nun ungewohnten Verlauf sieht Möller in der zunehmenden internen Flexibilität deutscher Betriebe. »Vor 15 Jahren galt der deutsche Arbeitsmarkt noch als starr, rigide in der Lohnstruktur und überreguliert.« Heute sei Deutschland Weltmeister in betriebsinterner Flexibilität und sei so in der Lage gewesen, den großen Schock der Finanzkrise abzufedern. Gerade die von der Krise besonders betroffenen exportorientierten Betriebe aus dem Maschinen- und Anlagenbau, der Metall- und chemischen Industrie nutzten überproportional häufig innerbetriebliche Flexibilitätsmodelle wie Arbeitszeitkonten, betriebliche Bündnisse mit Mitarbeiterbeteilung und Arbeitskräftehorten.
Hinzu kamen verbesserte Instrumente der Arbeitsmarktpolitik. »Diese Branchen hatten kurz zuvor noch eine enorme Boom-Zeit erlebt, die erwirtschafteten Überschüsse waren hoch, die Lohnentwicklung dagegen sehr verhalten, und man war auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen.« In der Krise hielten nun viele dieser Betriebe ihre wertvollen Fachkräfte durch Kurzarbeit, Reduzierung der Jahresarbeitszeit und Jahresproduktion in der Firma. »Kurzarbeit war dabei nicht der Schlüssel zur Krisenbewältigung, sondern nur ein Faktor unter mehreren«, sagte Möller. Wäre dieser Maßnahmen-Mix nicht gewesen, hätte bis zu 30 Prozent Beschäftigungsabbau in den betroffenen Betrieben gedroht. »Wir hätten mit 1,5 Millionen Arbeitslosen mehr rechnen müssen.«
Die Kehrseite sei allerdings, dass dies sehr viel koste, die Produktivität leide und eine Phase des Wachstums folgen werde, ohne dass mehr Arbeitskräfte eingestellt würden. In den nächsten Monaten werde die Zahl der Arbeitslosen erst einmal weiter sinken, was mit der unterschiedlichen Entwicklung der Arbeitsmarktsektoren zu tun habe. Während im Bereich des verarbeitenden Gewerbes und des Handels die Zahl der Beschäftigten abnehme, steige sie in den sozialen und wirtschaftsnahen Dienstleistungen. Auch gebe es immer mehr Teilzeitstellen und weniger Vollzeitbeschäftigung.
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