"ArbeiterKind.de" ist jetzt "Ort im Land der Ideen"
Gießen (srs). Noch weiß Amadea Schindler nicht genau, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte. »Ein Studium im Bereich Sprachen und Touristik könnte ich mir vorstellen«, erzählt die Zwölftklässlerin.
Für das Gießener Projekt »ArbeiterKind.de« nahmen Mitgründerin Katja Urbatsch (M.) sowie Mentorin Silke Jablonka den Preis entgegen, links Laudator Klaus-Peter Wunderlich von der Deutschen Bank. (Foto: srs)
Gerade hat sie an den Gießener Hochschultagen teilgenommen. Doch zur Orientierung habe dies nicht beigetragen, bedauert sie. »Es gab keine Gelegenheit für persönliche Fragen.« Nun sitzt sie in einem Klassenraum im zweiten Stock der Herderschule. Die Initiative »ArbeiterKind.de« hat zu einer Einführung in Fragen des Studiums geladen.
Als Amadea ihre noch vagen Berufsvorstellungen erläutert, hat die Gründerin von »ArbeiterKind.de«, Katja Urbatsch, sofort einen Vorschlag parat: »Touristik? Da fällt mir eine Freundin ein, mit der Sie sich unterhalten können.« Die Gießenerin Urbatsch und ihre Initiative haben ein Netzwerk von bundesweit 800 ehrenamtlichen Experten aufgebaut, die Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern beim Einstieg ins Studium beraten. Am Samstag wurde das Projekt als »Ausgewählter Ort im Land der Ideen« gewürdigt.
Urbatsch verdeutlichte während der Preisverleihung in der Aula der Herderschule anhand von Zahlen das Anliegen ihres Projekts. Nach einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks studierten 83 von 100 Akademikerkindern. »Gleichzeitig erlangen 46 von 100 Kindern nichtakademischer Herkunft das Abitur, nur 23 Prozent beginnen ein Studium.« Und auch diese 23 Prozent fühlten sich an der Universität schnell verloren. »Es fehlt oft grundlegendes Wissen über wissenschaftliches Arbeiten genauso wie finanzielle und ideelle Unterstützung aus der Familie.« Urbatsch, die in Gießen über amerikanische Literatur promoviert, sei ebenfalls die erste Studierende in ihrer Familie. »Ich hatte auch Informationsdefizite. Erst im vierten Semester habe ich von der Existenz von Stipendien erfahren.«
Im Mai 2008 stellte sie schließlich mit Freunden eine Internetseite auf die Beine, die in verständlicher Sprache Ratschläge für das Studium gibt. Gleichzeitig baute die Initiative in hoher Geschwindigkeit ein Netz von Mentoren auf, das heute 800 Menschen in 80 Städten umfasst. In Gießen sind es 25 Studierende, Promovierende und Professoren, die Schülern und Studienanfängern im persönlichen Gespräch beratend zur Seite stehen. Seit Herbst 2008 lädt die Gießener Gruppe zudem zu Informationsveranstaltungen an Schulen mit gymnasialer Oberstufe. »Wir erhalten täglich Mails von Menschen, die Mentoren werden wollen«, berichtet Urbatsch. Die Nachfrage von Schülern nach Beratung und Unterstützung hingegen halte sich in Grenzen. Daher will sich »ArbeiterKind.de« stärker in die Öffentlichkeit einbringen. Dem rein ehrenamtlichen Projekt fehlt es selbst für Broschüren und Flugzetteln allerdings an finanziellen Mitteln. »Das Finden von Sponsoren steht auf der Liste ganz oben«, berichtete Urbatsch.
»ArbeiterKind.de« wurde als einer von 365 »ausgewählten Orten im Land der Ideen« prämiert. Die Auszeichnung geht auf eine Initiative der Bundesregierung und des Bundesverbands der Deutschen Industrie in Kooperation mit der Deutschen Bank zurück. »In Gießen wird Zukunft gemacht«, pries Laudator Klaus-Peter Wunderlich von der Deutschen Bank das Projekt. Auch Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann sprach seine Glückwünsche aus. Der Leiter der Herderschule, Dieter Gath, würdigte die Hinwendung des Projekts an Schüler aus »bildungsfernen« Familien: »Mein Vater war Gleisarbeiter. Die Erfahrungen, die mir von zuhause nicht mitgegeben wurden, habe ich beim Studium schmerzlich vermisst.« Gath kündigte an, dass an seiner Schule im April und im Mai Kurse zur Vorbereitung für ein Studium in den Fächern Biochemie, Mathematik und Wirtschaft mit Professoren der Gießener Universität angeboten würden.
Im Anschluss an die von Klaus Pradella moderierte Feier lud »ArbeiterKind.de« gemeinsam mit Meike Röhl, die an der Universität zum Studium und Praktikum im Ausland berät, zu einer Informationsveranstaltung für Oberstufenschüler. Jeden dritten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr findet im Café Zeitlos (Bahnhofstraße 50) ein »ArbeiterKind.de«-Stammtisch statt, das nächste Mal am 19. Februar. Weitere Informationen gibt es im Internete unter der Adresse »www.arbeiterkind.de«.
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