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Anna Mettbach: Burgheim-Medaille ist eine Kostbarkeit

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Artikel vom 29.08.2012 - 20.28 Uhr

Anna Mettbach: Burgheim-Medaille ist eine Kostbarkeit

Gießen (vo). Diese Szene bleibt unvergesslich: Als Anna Mettbach sich im Netanya-Saal für die Ehrung mit der Hedwig-Burgheim-Medaille bedanken will, bleibt ihr die Luft weg. Auch während sie, fast hinter dem Pult verschwindend, über ihren Nasenschlauch Sauerstoff »tankt«, strahlt die zierliche 86-Jährige Würde und Entschlossenheit aus.

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Anna Mettbach bei ihrer Dankesrede nach dem Erhalt der Hedwig-Burgheim-Medaille. (Foto: vo)
Ihre Botschaft lautet: »So lange ich Atem habe, werde ich meine Stimme erheben für die, die keine Stimme mehr haben, die man im Gas erstickt hat, darunter auch meine Geschwister, meine Familie und meine Freunde.«

Zwei Frauen standen im Mittelpunkt dieser Feierstunde: Anna Mettbach, die Auschwitz überlebt hat, und die Namensgeberin der Medaille, Hedwig Burgheim, die 1943 mit 56 Jahren dort ums Leben kam. Bis sie 1933 entlassen wurde, weil sie Jüdin war, hatte sie als Leiterin des Gießener Fröbel-Seminars rund 800 Erzieher/-innen ausgebildet, wie Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz berichtete.

»In Leipzig, wohin sie floh, erlebte sie die Folgen der Nürnberger Rassengesetze und mit ihnen die langsame und systematische Entrechtung. Sie engagierte sich in der jüdischen Selbsthilfe, leitete die Haushaltungsschule und ein Altersheim, setzte sich damit unter schwierigsten Bedingungen weiter für Frauenbildung, Unabhängigkeit und Frauenberufstätigkeit ein«, sagte die OB und würdigte Hedwig Burgheim als eine moderne Frau – in Zeiten, als die Moderne verboten war und verfolgt wurde. »Unsere Welt ist ärmer geworden nach diesem Genozid.« Anna Mettbach gehöre zu der Gruppe der Verfolgten, die am längsten auf eine Geste des Schuldeingeständnisses am Völkermord warten mussten. Der Deportation der Gießener Sinti am 16. März 1943 sei in diesem Jahr zum ersten Mal gedacht worden.

»Wir Sinti sind stolz auf Anna Mettbach!«, sagte Rinaldo Strauß in seiner Laudatio, auch in Erinnerung an das Bundesverdienstkreuz, das die Zeitzeugin erst vor zwei Wochen bekommen hatte. Der Redner vertrat seinen erkrankten Bruder Adam Strauß, den hessischen Vorsitzenden im Verband Deutscher Sinti und Roma. Erst spät habe Anna Mettbach erzählt und aufgeschrieben, was sie erlebt habe, die Diskriminierung in ihrer Kindheit und die Verfolgung durch die Nazis. Anlass dafür seien die Übergriffe der Neonazis auf Ausländer gewesen, die in Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren unter dem Applaus des Mobs stattgefunden hätten. Durch ihr Buch und im direkten Gespräch sei es ihr gelungen, vor allem Jugendliche mir ihrer Geschichte und ihrem Anliegen zu erreichen.

»Ich hätte Hedwig Burgheim gerne kennen gelernt. Wir hätten ein gutes und festes Team abgegeben.«, sagte Anna Mettbach in ihrer Dankesrede, die sie trotz größter Anstrengung im Stehen hielt. »Ich teile mein Leben mit ihr, weil sie auch als Untermensch behandelt worden ist.« Ihre Leidensgenossin habe es nicht verdient, im Gas erstickt zu werden, und das sei ein grausamer Tod gewesen. Davon habe sie viel mitbekommen, weil das »Zigeunerlager« nur wenige Meter von der Gaskammer entfernt gewesen sei. Die Medaille, auf der Hedwig Burgheim mit Kindern abgebildet ist, erinnere sie daran, wie in Auschwitz NS-Schergen kleine Kinder an den Beinen gepackt und auf die Erde geknallt hätten, bis das Gehirn herausspritzte. Für sie sei diese Medaille eine Kostbarkeit.



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Artikel vom 29.08.2012 - 20.28 Uhr
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