Gießen (kw). Die Schweinegrippe und vor allem auch die Angst davor hat den regulären Unterricht in Gießen mehr oder weniger zum Erliegen gebracht. An Schulen und Kindergärten ist die derzeitige Erkrankungswelle besonders spürbar. Die Zahl der nachweislich Infizierten in Stadt und Kreis Gießen hat die 100 überstiegen.
Die erste größere Schweinegrippe-Welle rollt: Vor dem Eingang der Uni-Kinderklinik müssen sich alle Besucher die Hände desinfizieren. (Foto: Schepp)
102 Meldungen gingen seit den ersten Fällen im Sommer bis gestern im Kreisgesundheitsamt ein; die meisten davon in den letzten zwei Wochen. Hinzu kämen wahrscheinlich noch etliche Erkrankte, die gar nicht erst auf das H1N1-Virus getestet worden sind, meint Leiterin Dr. Barbara Breitbach. In vielen Fällen verlaufe die Krankheit unspektakulär und ohne hohes Fieber, die Patienten könnten durchaus nach drei oder vier Tagen Bettruhe genesen sein.
In keinem Gießener Krankenhaus gab es bisher Patienten mit schweren Symptomen der Neuen Grippe. In Breitbachs Augen ist Panik auch dann übertrieben, wenn an einer Schule mehrere Kinder daran erkrankt sind. »Wir bekommen immer wieder aufgeregte Anrufe von Eltern.« In keinem Fall habe ihre Behörde die Schließung einer Schule oder Kita empfohlen. Die weitere Ausbreitung des Erregers lasse sich ihrer Meinung nach auf diese Weise nicht stoppen. Schulen dürften im Übrigen nicht verlangen, dass Geschwister von erkrankten Kindern auf Schweinegrippe getestet werden und sich die Nicht-Infektion bescheinigen lassen, so Breitbach, zumal Hausärzte solche Tests nicht bezahlt bekämen. Ihres Erachtens gibt es zur Zeit keinen großen Unterschied zu normalen Grippewellen, die die Schulen meist Anfang des Jahres überrollten.
Die Folgen seien allerdings »nicht vergleichbar«, findet Christoph Fellner von Feldegg, stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts. Den es bleiben nicht nur diejenigen zu Hause, die die Schweinegrippe haben, sondern auch viele, deren Eltern Angst vor Ansteckung haben. In manchen Klassen fehle über die Hälfte der Kinder. »In solche Fällen empfehlen wir, den Jahrgang für ein paar Tage zu schließen, um die Ansteckungsgefahr zu mindern.«
Offenbar breite sich das Virus gerade in den Klassenzimmern aus: An manchen Grundschulen seien zahlreiche Schüler und Lehrer erkrankt, an anderen gar keine. Natürlich fielen zur Zeit etliche Klassenarbeiten aus, weiß Fellner von Feldegg. Und auch wenn die Welle bald abebbe, ließen sich nicht alle Klausuren nachholen. »Wir müssen zusammen mit den Schulen schauen, wie eine Leistungsfeststellung trotzdem möglich ist.«
Von einer Empfehlung des Schulamts weiß eine Schulleiterin nichts, die lieber nicht genannt werden möchte. In ihren stark geschrumpften Klassen werde zur Zeit nur Stoff »geübt und wiederholt«. »Wir hatten zunächst ein oder zwei Schweinegrippe-Fälle und haben daraufhin – wie es das Kultusministerium vorgibt – einen Brief an die Eltern geschrieben. Viele haben ihr Kind daraufhin aus Angst zu Hause gelassen.« Manche Eltern forderten eine Schließung der Schule. Andere wollten genau die nicht, weil sie berufstätig sind und Betreuung für ihr Kind brauchen, schildert die Pädagogin ihr Dilemma.
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