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Am Ende stand das KZ Theresienstadt

Artikel vom 26.02.2010 - 10.00 Uhr

Am Ende stand das KZ Theresienstadt

An die Lebensgeschichte des jüdischen Lehrers Dr. Siegfried Kann erinnerte am Mittwochnachmittag Gunter Weckemann in einem Vortrag vor Schülern und Lehrern des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums (LLG). Anschließend besuchte die Gruppe die Synagoge der jüdischen Gemeinde Gießens.
Gunter Weckemann (2. v. r.) berichtete aus dem Leben Dr. Siegfried Kanns.	(Foto: srs)
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Gunter Weckemann (2. v. r.) berichtete aus dem Leben Dr. Siegfried Kanns. (Foto: srs)
Gießen (srs). Einen schwarzen Anzug trug Dr. Siegfried Kann an seinem letzten Tag als Lehrer am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium. An sein Revers hatte er das Eiserne Kreuz 1. Klasse geheftet. Es war der 28. April 1933, ein Freitag. Das nationalsozialistische Regime hatte das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« verabschiedet, das Juden die Beschäftigung im Staatsdienst untersagte. Der Altphilologe Kann verabschiedete sich von seinen Schülern, von seinen Kollegen - und verließ jene Schule, die er bereits als Kind besucht hatte. Zehn Jahre später starb er im Konzentrationslager Theresienstadt.

Im Café »Türmchen« erzählte Weckemann, selbst Lehrer für Politik, Deutsch und Wirtschaft am LLG, aus dem Leben Kanns. Seine Ausführungen stützte er auch auf Schilderungen seiner Mutter, die am LLG einst die Schulbank unter Kann als Klassenlehrer gedrückt hatte. Der 1886 geborene Altphilologe sei ein ausgesprochen »beliebter« Lehrer gewesen, berichtete Weckemann. Hohe Anerkennung habe er auch aufgrund »seiner Tapferkeit im Ersten Weltkrieg« als Hauptmann genossen. »Er wurde damals verwundet, trug eine Metallplatte in der Stirn.«

Der Entlassung aus dem Dienst nach 24 Jahren als Lehrer am LLG folgte indes »ein ständiger Abstieg«. Er sei zu Straßenarbeiten gezwungen worden. Mehrmals haben ihn ehemalige Schüler dabei beobachtet und festgestellt, dass es ihm schlecht ging.« Wohl aufgrund seines öffentlichen Ansehens, so vermutet Weckemann, sei Siegfried Kann erst als einer der letzten jüdischen Gießener aufgefordert worden, mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern die gemeinsame Wohnung in der Liebigstraße 37 zu verlassen und in eines der Ghettohäuser in der Landgrafenstraße zu ziehen. Am 17. September 1942 wurden sie deportiert. Im Konzentrationslager Theresienstadt verweigerte Kann jegliche Nahrungsaufnahme und verhungerte im Februar 1943. Seine Frau und die beiden Töchter wurden in Auschwitz vergast.

In seinem Vortrag machte Weckemann auch auf den Abiturjahrgang 1908 des LLG aufmerksam. Ihm gehörten neben Hermann Schlosser - späterer Vorstandsvorsitzender des Unternehmens »Degussa«, das die Herstellung des Mordgases Zyklon B koordinierte - auch der Jude Fritz Pfeffer an, Zimmergenosse Anne Franks, der in ihrem Tagebuch als »Dr. Dussel« Verewigung fand.

Anschließend nahm die Gruppe an einem Rundgang durch die Gießener Synagoge teil. Liudmilla Koslova zeigte den Gebetsraum und den heiligen Aufenthaltsort der Thora. Der neue Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gießens, Dr. Gabriel Nick, begrüßte die Gäste danach zu einem Gespräch. »Wir wollen uns weiter öffnen«, erklärte Nick. Für einen Austausch mit den Religionen sehe er allerdings Schwierigkeiten. »Ich habe zweimal den Koran gelesen. Da gibt es große Probleme für einen Trialog.« Allmählich nähmen auch Jugendliche wieder am Gemeindeleben teil. »Von den 400 Mitgliedern sind aber 90 Prozent Ältere - wobei ich mich noch zu den Jugendlichen zähle«, sagte der 71-Jährige.

Unter dem Titel »Tour fixe« besuchen Schüler und Lehrer des LLG sowie Nordstadtbewohner jeden zweiten Mittwoch im Monat Vereine und Gemeinden in der Nachbarschaft des Gymnasiums. Organisiert werden die Ausflüge von den beiden Ethik-Lehrern Thorsten Rohde und Markus Lepper sowie Nina Hahn.

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Artikel vom 26.02.2010 - 10.00 Uhr
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