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Als auch in Gießen die Synagogen brannten

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Artikel vom 10.11.2014 - 09.00 Uhr

Als auch in Gießen die Synagogen brannten

Gießen (csk). Die Stadt, die jüdische Gemeinde und die christliche Kirchen haben am Gedenkstein vor der Kongresshalle der Pogromnacht vor 76 Jahren gedacht.

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Aus Texten von Zeitzeugen lasen bei der Gedenkstunde die LLG-Schülerinnen Naomi Buhmann (l.) und Lea Terhüme. (Foto: csk)
© Christian Schneebeck
1938 lag das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium noch an der Ecke Südanlage/Bismarckstraße, nur wenige Schritte entfernt von einer der beiden Kernstadt-Synagogen. So konnte ein Schüler der 13. Klasse festhalten, was dort am Morgen des 10. November 1938 geschah. Die Synagoge brannte – und die Feuerwehr sah zu. »Ein hinreißendes Schauspiel«, schrieb der Schüler. Viele Jahre später veröffentlichte er sein Tagebuch – als Dokument der eigenen Verblendung. Bei der Gedenkstunde für die Opfer des Judenpogroms, zu der der Magistrat und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eingeladen hatten, lasen zwei Schülerinnen des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums am Sonntag vor der Kongresshalle unter anderem aus diesem Tagebuch.

Die wichtigste Lehre des Zivilisationsbruchs formulierte anschließend Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz: »Nie wieder dürfen Entrechtung, Diskriminierung und Verfolgung einen Platz in unserer Gesellschaft haben.« Vor knapp 50 Zuhörern verwies sie in ihrer Gedenkrede auf aktuelle Debatten. Es sei eine historische Verpflichtung, Flüchtlingen aus Krisengebieten zu helfen und ihnen Asyl zu gewähren. »Gegen Angriffe auf Zivilisation und Menschlichkeit müssen wir uns rechtzeitig und mit aller Macht wehren«, forderte die OB.

Genau das war am 10. November 1938 nicht passiert. Nach der Reichspogromnacht, in der deutschlandweit jüdische Einrichtungen zerstört worden waren, wütete auch in Gießen ein antisemitischer Mob. Gegen 6 Uhr brannte die Synagoge in der Südanlage, kurz darauf die in der Steinstraße. Die Feuerwehr löschte nicht. Sie verhinderte lediglich, dass das Feuer auf andere Gebäude übergriff. Auch das jüdische Gebetshaus in Wieseck wurde verwüstet, ebenso das Bankhaus Herz in der Neuen Bäue und etliche weitere Geschäfte. Viele Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.

Der 9. November 1938 markiere »einen Wendepunkt in der Geschichte der Zivilisation«, sagte Grabe-Bolz: »Er war der Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung aller Juden.« Besonders betonte sie, welche Bedeutung jüdische Bürger vor der Naziherrschaft im kulturellen Leben der Stadt hatten. Beispielhaft nannte sie den Bankier Siegmund Heichelheim, der sich unter anderem für das Stadttheater und die Universität eingesetzt hatte.

Die LLG-Schülerinnen Naomi Buhmann und Lea Terhüme gaben Zeitzeugen eine Stimme, als sie aus dem Text des anonymen Schülers sowie aus dem Tagebuch des Schriftstellers Georg Edward und einer Aufzeichnung der Autorin Hilda Stern Cohen lasen. In seiner Begrüßung hatte Pfarrer Cornelius Mann von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit die Ambivalenz des 9. November in der deutschen Geschichte aufgezeigt. Er sei »ein Tag der Freude« – allerdings dürfe angesichts der Feiern zu 25 Jahren Mauerfall seine Bedeutung als »Tag der Trauer und der Scham« nicht in den Hintergrund treten. Für die christlichen Kirchen sprachen Pfarrer Andreas Specht (evangelisch) und Seelsorger Gerd Tuchscherer (katholisch) kurze Gebete. Anschließend legte die OB gemeinsam mit dem stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Dieter Geißler einen Kranz am Mahnmal vor der Kongresshalle nieder. Zum Abschluss der Gedenkstunde, an der auch Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, Stadträtin Astrid Eibelshäuser und JLU-Präsident Joybrato Mukherjee teilnahmen, betete Isaak Kaminir von der jüdischen Gemeinde ein Totengebet.

Am Abend fand noch der traditionelle Mahngang durch die Stadt statt, der in diesem Jahr erstmals vom Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus angemeldet worden war, was im Vorfeld zu einem Konflikt geführt hatte (Bericht folgt).

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Artikel vom 10.11.2014 - 09.00 Uhr
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