27 weitere Stolpersteine erinnern an Verfolgte des Naziregimes
Gießen (pd) In Gießen erinnern jetzt 93 Stolpersteine an Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Zwischen Walltor- und Stephanstraße ließ der Aktionskünstler Gunter Demnig am Mittwoch an sieben Verlegestellen insgesamt 21 weitere Gedenksteine in den Boden ein.
Er hätte sie gern kennen gelernt, seine Großmutter. Doch für Matthias Leschhorn und seine Brüder gab es keine von der Oma erzählten Geschichten, kein gemeinsames Spielen. Philippine Leschhorn wurde am 4. Mai 1941 in der »Heilanstalt« Hadamar ermordet. An seine Großmutter, die wie mehr als 70 000 Menschen im »Großdeutschen Reich« den Euthanasiegesetzen zum Opfer fiel, erinnerte der Pfarrer der Petrusgemeinde am Mittwoch vor dem Anwesen Walltorstraße 10. Das Gedenken an Philippine Leschhorn bildete den Auftakt zur vierten Verlegung von Stolpersteinen in Gießen. Über 26 000 dieser Gedenksteine hat Gunter Demnig in den vergangenen Jahren verlegt. Zwischen Walltor- und Stephanstraße ließ der Aktionskünstler am Mittwoch an sieben Verlegestellen insgesamt 21 weitere mit einer Messingplatte versehene Pflastersteine in den Boden ein.
Etwa 40 Teilnehmer hatten sich bei Schauerwetter in der Walltorstraße zu der kleinen Gedenkfeier eingefunden, beobachteten schweigend, wie Demnig den Stein samt Messingplatte in die vom städtischen Tiefbauamt vorbereitete Vertiefung einpasste. Der versierte Umgang mit Kelle und Hammer, Mörtel und Wasser zeigt, dass er schon viele dieser Gedenksteine verlegt hat. Die fünfstellige Zahl von Stolpersteinen zeige aber auch, »wie unglaublich die Verbrechen sind, deren Opfer wir hier gedenken«, hatte Klaus Weißgerber zu Beginn der Zeremonie betont. Der Pfarrer der evangelischen Stadtkirchenarbeit bildet mit Monika Graulich und Christel Buseck die Koordinierungsgruppe »Stolpersteine-in-Gießen«, die die Verlegung der Stolpersteine vorbereitet und die Schicksale der Betroffenen recherchiert hat.
Erstmals nahm mit Dietlind Grabe-Bolz ein Stadtoberhaupt an einer Stolperstein-Verlegung teil. Die Oberbürgermeisterin bezeichnete die Gedenkveranstaltung als »Forum der Erinnerungskultur im öffentlichen Raum«. Die Stolpersteine erinnerten an den letzten Wohnort von Menschen, bevor diese gedemütigt, deportiert und in vielen Fällen ermordet worden seien. Sie bedankte sich bei jenen, die sich dafür einsetzen, Geschichte lebendig werden zu lassen und die Öffentlichkeit mit dem Schicksal dieser Menschen vertraut zu machen.
Sichtlich ergriffen lauschten die Teilnehmer den Worten von Pfarrer Leschhorn, der Stationen im Leben seiner Großmutter Philippine und ihr Sterben durch das »grausame Euthanasie-Programm« der Nazis schilderte. Vor allem seinen Vater habe der Tod Philippine Leschhorns »tief verletzt«. Ihm sei es sehr schwer gefallen, über seine Mutter zu reden. Dieses Unbehagen habe zwar nicht das Familienleben beherrscht, »aber ein gewisser Schatten, der nicht greifbar war, lag darüber«. Die Stolperstein-Aktion mache deutlich: »Man muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen.«
Weitere Gedenksteine wurden an drei Standorten in der Alicenstraße verlegt. Vor der Hausnummer 6 gedachten Prof. Helmut Berding und Monika Graulich Prof. Franz Soetbeer, der denunziert und verhaftet wurde und 1943 im Gießener Gestapo-Haus zu Tode kam. An Isidor und Helene Berliner, die in Treblinka ermordet wurden, erinnerte vor der Alicenstraße 16 Christel Buseck. Vor dem Haus mit der Nummer 40 wurden Stolpersteine für Marcus und Rosa Rosenthal, Rebekka Aaron (alle ermordet 1943) sowie für Dr. Ludwig Rosenthal verlegt, der am 30. September 1942 deportiert und in Treblinka umgebracht wurde. Ebenfalls in Treblinka ermordet wurde Ludwig Katz, der in der Ludwigstraße 45 gewohnt hatte. Dort lebte auch Gertrud Katz, der 1938 die Flucht in die USA gelang. Ein Gedichtvortrag von Schülerinnen der Liebigschule begleitete die Gedenkfeier für das Ehepaar Benjamin und Cornelie Katz sowie Gertrud Katz und Klara Kugelmann in der Stephanstraße 43. Sieben Stolpersteine wurden abschließend in der Stephanstraße 28 für das Ehepaar Theo und Clothilde Jacob, für Ellen Jacob, Günther und Lore Julie Jacob, Amalie Jacob sowie Hannelore Schwarz verlegt.