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220 Schüler diskutierten über Wahlalter und Wehrpflicht

Artikel vom 27.01.2009 - 21.05 Uhr

220 Schüler diskutierten über Wahlalter und Wehrpflicht

Gießen (kw). Sollen Jugendliche schon mit 16 wählen können? Nein, meinen die Konservativen - in dem Alter fehle meist die nötige Reife. Doch, widerspricht die Arbeiterpartei: 16-Jährige hätten genug Verantwortungsbewusstsein.
Um 7.45 Uhr morgens begann der Parlaments-Tag der Jugendlichen aus acht Schulen und dauerte bis zur »Aktuellen Stunde« um 14 Uhr
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Um 7.45 Uhr morgens begann der Parlaments-Tag der Jugendlichen aus acht Schulen und dauerte bis zur »Aktuellen Stunde« um 14 Uhr. Die Sitzungen des Plenums leitete der »echte« Bundestags-Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms (vorn in der Mitte) als Initiator von »Politik im Blick«. (Foto: Geck)
Wegen dieser Frage wäre »beinahe die Große Koalition geplatzt«, berichtete Dr. Hermann Otto Solms gestern. Der Vizepräsident des Deutschen Bundestags sprach nicht von der Bundesregierung in Berlin, sondern von derer kleinerer Schwester, die einen Tag lang in der Aula der Justus-Liebig-Universität tagte. Rund 220 Neunt- bis Elftklässler aus acht heimischen Schulen widmeten sich dort mit Feuereifer einem Parlaments-Planspiel zum Abschluss der zweiten Auflage des Projekts »Politik im Blick«. Der prominente FDP-Politiker Solms nahm sich erneut den ganzen Tag Zeit und erntete viel Lob dafür.

»Politik im Blick - Schüler diskutieren mit« sei bundesweit einmalig, erläuterte Solms im Gespräch mit der Allgemeinen. In seinem Büro wurde die Idee entwickelt und vor zwei Jahren erstmals umgesetzt. Diesmal lag die Federführung bei Nina Mautner. Zunächst im Internet konnten die 280 teilnehmenden Jugendliche über verschiedenste Themen debattieren; die Palette reichte von A wie Afghanistan bis Z wie Zwangsprostitution. Auch zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise tauschten sich die Schüler aus. Insgesamt 3500 Diskussionsbeiträge belegten das »irrsinnige Interesse« weit über den begleitenden Unterricht hinaus, freute sich der Licher: »Manche haben noch um Mitternacht geschrieben.« Nach den Ferien begann die Rollenverteilung für das virtuelle Parlament. Als Abgeordnete oder auch Journalisten trafen sich nun die 14- bis 17-Jährigen in der Uni-Aula, jeder mit einem ihm zugeordneten Namen, Lebenslauf und Partei oder Zeitung.

Das Wahlalter und die Abschaffung die Wehrpflicht standen gestern auf der Tagesordnung, die Größe der Fraktionen entsprach denen im realen Bundestag. Also mussten sich die »Konservative Volkspartei« und die »Arbeiterpartei Deutschlands« in der Großen Koalition zusammenraufen, nämlich letztlich auf die Beibehaltung des Status quo in beiden Punkten. Die »Liberale Reformpartei«, die »Ökologisch-soziale Partei« und die »Partei der sozialen Gerechtigkeit« konnten auch einmal das Wahlrecht ab 14 oder die Abschaffung der Bundeswehr fordern. Allerdings lassen sich solche Ideen in einer Demokratie nicht ohne weiteres durchsetzen. Und auch die »Großen« müssen Kompromisse finden, damit aus Meinungen Entscheidungen werden. Im Kreise von Fraktionen und Ausschüssen werden Argumente ausgetauscht, schließlich geht es in die »Lesungen« im Plenum. Diese großen Sitzungen leitete Solms höchstpersönlich. »Eigentlich müsste ich unbedingt in Berlin sein«, bekannte der 68-Jährige auf Nachfrage - aber seine Anwesenheit mache das Projekt »glaubwürdig«.

Solms’ Engagement »ist eine Ehre«, findet eine Neuntklässlerin von der Ricarda-Huch-Schule, und Mitschülerinnen bestätigen: »Toll, dass man so viel Zeit kriegt!« »Sonst denkt man, Politiker interessieren sich nicht für uns. Hier bekommt man einen anderen Eindruck.« Heribert Ohlig, Leiter der Gesamtschule Gießen-Ost, ist einer von vielen, die betonen, dass Solms sich nie als FDP-Politiker äußert, sondern als Parlaments-Präsident. Sein Projekt »wirkt der Politikverdrossenheit entgegen«, ist Ohlig überzeugt. »Bewundernswert« findet die Herderschul-Lehrerin Jacqueline Gorman die neutrale Haltung des Initiators. Ihre Schüler lernten, Politik realistischer einzuschätzen.

Die Nachrichten betrachten sie nun mit anderen und interessierteren Augen, bestätigen die Jugendlichen, die größtenteils im Rahmen einer freiwilligen AG mitmachen. »Man kann sich vorstellen, unter welchem Zeitdruck Abgeordnete stehen. Ein paar Monate sind nicht viel, wenn man mit über 600 Leuten entscheiden muss«, meint Viviane. Manches könnte im Bundestag zügiger entschieden werden, findet dagegen Steven (16). Pascal hat sich eigens in Schale geworfen: Im Anzug könne er besser den neunfachen Großvater »Hans Hoppe« mimen.

Dass »Politik im Blick« nachwirkt, zeigte sich gestern ganz praktisch: Zu den Helfern gehörten drei Schüler, die vor zwei Jahren mitgemacht hatten. Die Agentur x3 mit Ralph Höltkemeier und Frank Burgdörfer übernahmen die Organisation des Tages.

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Artikel vom 27.01.2009 - 21.05 Uhr
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