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200 Demonstranten gegen Abschiebung

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Artikel vom 20.02.2015 - 10.34 Uhr

200 Demonstranten gegen Abschiebung

Gießen (jwr). Mit einer Versammlung vor einem Hauseingang gegenüber der Galerie Neustädter Tor haben etwa 200 Menschen am frühen Freitagmorgen die Abschiebung eines Eritreers nach Italien vorerst verhindert. Ihr Protestaufruf im Internet hatte die Behörden schon vorab zum Einlenken bewogen. Die Polizei war mit drei Einsatzwagen vor Ort.

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© jwr

Vom Marktplatz aus zogen die Demonstranten mit Transparenten vor das Haus, in dem der 19-jährige Flüchtling wohnt. Er war, wie das zuständige Regierungspräsidium Gießen bestätigt hatte, für Freitagmorgen auf die Polizeiwache am Berliner Platz vorgeladen worden, um dann von Frankfurt nach Italien zu fliegen. Grund dafür ist die „Dublin-II-Verordnung“, wonach jener EU-Staat für den Asylantrag eines Flüchtlings zuständig ist, den dieser zuerst betreten hat. Im Fall des jungen Mannes ist das Italien. Sein Asylantrag in Deutschland war daher abgelehnt worden.

Im Internet hatte das Gießener Aktionsbündnis „Rassismus tötet“ schon vor Tagen dazu aufgerufen, durch eine Kundgebung die Abschiebung zu verhindern und ein Zeichen gegen die aus Sicht der Initiative menschenunwürdige Asylpolitik in der EU zu setzen. Schon zu Beginn der Demonstration gegen 5 Uhr erklärte die Polizei-Einsatzleitung der Menge: „Die Abschiebung wird heute nicht durchgeführt.“ Dies habe die Ausländerbehörde kurzfristig entschieden. Die Polizisten, so der Einsatzleiter weiter, seien nun anwesend, um das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu gewährleisten. Die Versammlungsbehörde der Stadt sehe die Demo insofern als geschützt an. Da die Abschiebung ausgesetzt wurde, verstießen die Demonstranten auch gegen keinen Polizeieinsatz.

Restlos überzeugt von dieser Zusage waren die Versammelten offenbar nicht und wollten ganz sicher gehen, dass der Flüchtling den Flug um 8.30 Uhr verpasst: Erst gegen 7.30 Uhr löste sich die Versammlung auf. Zwischen beiden Seiten gab es keine Auseinandersetzungen, es blieb ruhig.

In seiner Wohnung, die er mit anderen Geflüchteten teilt, stellte sich der Eritreer mit einem Übersetzer den Fragen von Journalisten. Er ist nach eigenen Angaben aus seiner Heimat über Sudan und Libyen, schließlich per Boot über das Mittelmeer geflüchtet. Vor etwa neun Monaten sei er nach Deutschland gekommen, erklärte der junge Mann, dem die Anspannung im Morgengrauen ins Gesicht geschrieben stand. Er sei den Demonstranten sehr dankbar, ließ er ausrichten.

Bereits vor einem Monat hatte das Gießener Aktionsbündnis „Rassismus tötet“ die Abschiebung eines Flüchtlings aus Eritrea nach Norwegen mit einer Versammlung verhindert. Über den erneuten Erfolg ihrer Aktion zeigten sich die Demonstranten sehr zufrieden.

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Artikel vom 20.02.2015 - 10.34 Uhr
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Leserkommentare
(24.02.2015 15:48)
zornig
Schön, dass wir darüber reden
Gerne stimme ich Ihren neuen Ausführungen zu. Allerdings haben meine gedanklichen Anregungen auch keinen Hinweis darauf enthalten, dass es NUR Engagement für und Solidarität mit Ausländern gäbe. Dass auch die Hilfsangebote für Inländer mitunter engen Grenzen unterliegen, sollte doch Konsens zwischen uns sein - oder?
(24.02.2015 15:43)
Lt Koerschgen
was mich interessieren würde:
haben diese 200 "Demonstranten"
- alle zufällig am Freitag Urlaub gehabt?
- extra Urlaub genommen?
- nach der Demo noch zur Arbeit?
- Überstunden abgebaut?
- an diesem Tag Spätschicht gehabt?
- krank gefeiert?
- gar keine Arbeit?
Oder waren es Hausfrauen und Rentner? Oder Schüler die sich dafür extra früher aus dem Bett gequält haben?
(24.02.2015 14:58)
weschlo
wirklich blind vor Zorn?
was ausgesagt werden soll?
Dass sich für "deutsche Ausgegrenzten" sehr wohl auch zahlreiche Institutionen und Ehrenamtliche engagieren.
Das alles in Ordnung ist in diesem Land habe ich niemals behauptet, wäre auch mehr als töricht.
und ja, ich war schon einige Monate auf die Tafel angewiesen, habe mich davor(!) und währenddessen auch ehrenamtlich dort eingebracht. Wie übrigens auch in einem Sportverein, als Lesepate und in der Flüchtlingshilfe- was machen Sie so für ein besseres Miteinander?
Alten, kranken hilfsbedürftigen bringt die Bahnhofsmission und die Aidshilfe nichts, aber bspw. die Diakonie oder Caritas.
Meine Aufzählung ist kein Totschlagargument, sondern ein Ausschnitt derer, die sich tagtäglich darum bemühen so vielen Menschen wie möglich Unterstützung und Hilfe anzubieten. Dass es dennoch zahlreiche gibt, die durch alle Hilfsraster fallen ist nicht zu leugnen. Jedoch so zu tun, als gäbe es nur Engagement und Solidarität für Flüchtlinge ist schlichtweg falsch.
(23.02.2015 12:40)
zornig
Schönreden als Lösung???
Zugegeben: ein gefälliges Namedropping an sozialen Einrichtungen ist Ihnen da gelungen.
Doch: Was soll damit - jenseits Ihrer Ironie - ausgesagt werden? Dass in diesem reichen, kalten Land alles in Ordnung ist? Durch ALMOSEN an Ausgegrenzte - zum Beispiel die Verteilung von Lebensmitteln, die sonst auf dem Müll landen, in den Tafeln? (Waren Sie schon mal auf eine angewiesen?)
Ist Ihnen einmal der Gedanke gekommen, dass ausgeschlossene und ausgegrenzte Mitmenschen nichts anderes wollen als TEILHABE am gesellschaftlichen Leben? Und dass ihnen genau dies vorenthalten wird? Den genannten Auffangbecken des gegenwärtigen Neo-Liberalismus zum Trotz. Kein Grund zu Kritik?
So wie es unter der heterogenen Gruppe der Behinderten Priviligierte gibt, gibt es sie auch unter Menschen, die von den bei Ihnen aufgeführten Institutionen betreut werden. Und viele andere, die durch die Maschen fallen.
Was hilft beispielsweise kranken, älteren Mitmenschen die Aids-Hilfe, was die Bahnhofsmission? Mit dem Totschlagargument Ihrer Aufzählung ist dem nicht beizukommen.
(22.02.2015 19:48)
weschlo
blind vor Zorn?
"deutsche Ausgegrenzte zu übersehen"
Sie haben Recht, die Tafeln, Bahnhofsmissionen, Archen, Obdachlosenunterkünfte, Lebenshilfe, Gewerkschaften, Caritas, Diakonie, Awo, Aids-Hilfen, ProFamilia, Lese-Paten usw. sowie zigtausend ehrenamtlich Engagierte tun nichts für die Ausgegrenzten in diesem Land. *ironieaus*
(22.02.2015 17:07)
zornig
Wer lesen kann, ist im Vorteil
Hallo Harry,
da sind aber die gutmenschenden Gäule mächtig mit Ihnen durchgaloppiert!
Ein gut gemeinter Tipp: statt sich über Äußerungen auszumehren, die nirgendwo stehen und Kommentarschreiber zu verunglimpfen, würde Ihnen die sorgfältige Lektüre des Geschriebenen gut zu Gesicht stehen.
Schade, dass Sie als Gefangener Ihres holzschnittartigen schwarz-weiß-Denkens in Ihre eigenen Denkfallen getappt sind. Sie können sich meinetwegen gerne als Gutmenschen feiern. Lassen Sie aber bitte Ihre Verunglimpfungen von Menschen, die etwas differenzierter denken können als Sie.
Meine Rede von "gemischten Gefühlen" bedeutete: ich finde es durchaus löblich, Solidarität mit von Abschiebung bedrohten Menschen zu bekunden. Zugleich empfinde ich es als partielle Blindheit und Ausgeburt von menschenverachtender Gleichgültigkeit, deutsche Ausgegrenzte zu übersehen.
Wie sagte schon der römische Philososph Tacitus: Wenn Du geschwiegen hättest, wärest Du weise geblieben.
Zornig
(22.02.2015 14:36)
Harry
@ zornig
https://www.youtube.com/watch?v=cdrvxL2rxH8 Linke Aktivisten versuchen die Zwangsräumung von Elfriede (deutscher geht es wohl kaum?) zu verhindern, die aufgrund von Verdrängungsmechanismen aus ihrer Wohnung raus sollte. Elfriede ist übrigens 24!! Stunden nach ihrer Räumung verstorben. Das Beispiel zeigt, dass man mit Solidarität viel erreichen kann. Die rechten Schreiber und Rassisten hier im Forum sind jedoch nicht solidarisch, sie suchen sich dei Schwächsten (Flüchtlinge) raus und hetzen auf widerliche Art und Weise. Das ist schäbig und folgt der dt. Mentalität "nach unten treten, nach oben buckeln".
(22.02.2015 13:37)
H.Potter63
Die Wahrheit ist ......
@zornig ihren Kommentar stimme ich voll und ganz zu! Ich sehe es sogar noch viel viel krasser, den wenn man gesund ist und Steuern zahlt bis zum Abwinken ist man wer, aber wehe wenn man als Deutscher in Deutschland auf Hilfe angewiesen ist sei es als Kranker, Erwerbsunfähiger, Behinderter, Rentner,etc. da braucht man auf Hilfe von seinen Mitmenschen oder gar vom Staat nicht hoffen.
(21.02.2015 22:27)
Libero
kein Mitleid

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Ihre Online-Redaktion

(21.02.2015 19:59)
zornig
Wo bleiben die Maßstäbe?
Mit gemischten Gefühlen habe ich die Berichterstattung über den erst einmal missglückten Abschiebungsversuch des 19jährigen Eritreers aus Deutschland verfolgt. Dass sich 200 Demonstranten für den Verbleib des jungen Mannes eingesetzt haben, zeugt von Engagement, vielleicht auch von Mut.
Was mich indes bedrückt, ist die Tatsache, dass ich keine vergleichbaren Berichte über die Unterstützung deutscher Mitbürger in den diversen Medien finde, die als Globalisierungsverlierer zu Objekten staatlicher und privater Institutionen werden. Die sich dann fernab einer mehr oder weniger (eher weniger) interessierten Öffentlichkeit mutterseelenallein und ohne Unterstützung Dritter mit Polizei, Gerichten, Ämtern oder Banken herumplagen dürfen.
Als Erwerbsminderungsrentner nach Jahrzehnten der Berufstätigkeit weit unterhalb der Armutsgrenze lebend, kann und will ich mir den Neid auf den jungen Eritreer nicht verkneifen. Nur ein Bruchteil von Anteilnahme an meinem Schicksal würde mir bei meiner Lebensbewältigung sehr helfen. Diese ist jedoch bis zum heutigen Tag ausgeblieben.
Über das Desinteresse Deutscher am Schicksal von in Not geratenen deutschen Mitbürgern bleibt mir nur das Staunen. Deutschland 2015: Schamland.
Zornig
(20.02.2015 15:14)
Gracchus
Recht und Gesetz ...
... ist in Deutschland offenbar nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem es geschrieben steht, wenn es der linken Kamarilla mit Leichtigkeit gelingt, dieses auszuhebeln. Ist die Rechtssicherheit zum Teufel, triumphiert die Anarchie. Wollen wir das wirklich ?
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