Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Stadt » Stadtkultur »

»Yann und Beatrix« als Gastspiel im Theaterstudio

Artikel vom 08.02.2012 - 18.05 Uhr

»Yann und Beatrix« als Gastspiel im Theaterstudio

Manchmal ist das Leben nicht mehr als kleines kreisrundes Zimmer, in dem die Zeit schnell zu verrinnen scheint. Das Stück »Yann und Beatrix«, das am Dienstagabend im TiL gezeigt wurde, handelt von dieser Enge, auf die das Leben reduziert zu sein scheint – und davon, wie die Liebe diesen Zustand erträglicher machen könnte.

beatrix_090212_4c_1
Lupe - Artikelbild vergrössern
Wenn es sein muss, greift Yann (Jan Holten) zum Messer, um Beatrix (Katja Klemt) von sich zu überzeugen. (Foto: chs)
Das einzig Wahre im Leben sind 20-Euro-Scheine. So jedenfalls sieht es Yann (Jan Holten), der sich eine hohe Belohnung sichern will. Die winkt, sollte er es schaffen, die einsame Beatrix (Katja Klemt) zu interessieren, zu rühren und zu verführen. In der ganzen Stadt hat sie plakatiert und üppigen Gewinn in Aussicht gestellt. Und Geld ist das Einzige, das den Prämienjäger interessiert, und bei Beatrix scheint eine Menge davon zu holen zu sein, auch wenn sie nur in einem kleinen Zimmer mit einer riesigen Sanduhr wohnt.

Das Projekt scheint allerdings schwierig zu sein. Der phlegmatische und sehr materialistische Yann macht so gar nicht den Eindruck, als könne er allein durch die Kraft seiner Worte die quirlige und ständig quasselnde Beatrix bei den Emotionen packen. Aber er gibt sich richtig Mühe, wenn es sein muss, greift er sogar zum Messer, erklärt Wasser, das er zuvor in Beatrix’ Gesicht geschüttet hat, zu Tränen der Rührung und macht ihr falsche Komplimente, damit sie ihre Beine öffnet. Am Ende schafft er es irgendwie, muss aber feststellen, dass Beatrix gar kein Geld hat, um ihn zu bezahlen. Ein schwerer Schlag für Yann, der für sich festgestellt hat, dass alles relativ ist – außer eben Geld. »Zwanzigerscheine – das ist das Wahre im Leben«, sagt er über sein Motto.

Das Gastspiel »Yann und Beatrix« von Carole Fréchette ist ein Stück über die Liebe und die Einsamkeit, das Lukas Goldbach wunderbar inszeniert hat. Die skurrile Geschichte, bei der man nie sicher sein kann, was jetzt nun wahr ist und was wieder nur eine weitere Lüge von Beatrix, lebt vor allem durch die Kraft der Darsteller.

Wenn Katja Klemt die vielen Stereotypen über die Liebe mit naiv-gehetzter Stimme herunterrasselt, trifft sie genau den Ton, der zu Beatrix passt. »Liebst du einen Mann, dann sagst du ihm die Wahrheit«, ist da zu vernehmen und man kann kaum zuhören, so sehr empfindet man Mitleid mit der zum Leben fast unfähigen Beatrix, weil man weiß, dass sie auf diese Weise die Liebe niemals finden wird.

Großartig auch Jan Holten, der die Vielschichtigkeit seiner Rolle glaubwürdig herüberbringt. Man erschreckt, wenn er von dem üblichen Phlegma auf einmal auf Aggression umschaltet.

»Ich ersticke an deinen Erwartungen und Ängsten, an deinen Lügen«, sagt er am Ende erschöpft einer verzweifelten Beatrix, und das ist dann so gar nicht mehr lustig wie noch anfangs, als er mit großer Modulation in der Stimme die Erzählung von dem kleinen ängstlichen Jungen und dessen laut atmenden Großvater vorträgt.

So hetzt der Zuschauer durch eine rasante Erzählung und ist am Ende selbst interessiert und gerührt, womöglich sogar verführt. Das Publikum im fast voll besetzten TiL quittierte die Leistung mit langem Applaus.

chs

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 08.02.2012 - 18.05 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang