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Verdis »Otello« begeistert im Stadttheater

Artikel vom 20.06.2010 - 22.15 Uhr

Verdis »Otello« begeistert im Stadttheater

Premiere im Stadttheater: Verdis »Otello« erwärmt in konzertanter Aufführung einen kalten Juni-Abend.
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Bei Regisseuren spricht man, wenn sie mit viel Tamtam einen besonders aufwendigen Film abgeliefert haben, von »großem Kino«. Carlos Spierer benötigt dazu einen Taktstock und seinen linken Zeigefinger.
© Wegst
Natürlich ist Otello ein Tölpel und Jago ein Teufel. Weil der Feldherr, der lieber reagiert als reflektiert, den hanebüchenen Lügen des Fähnrichs auf den Leim geht, tötet er erst seine geliebte Desdemona, ehe er sich selbst erdolcht. Diese Rahmenhandlung bürgt für ein ergreifendes Musik-Melodram, nicht zuletzt mithilfe des einfühlsamen Librettos von Arrigo Boito nach Shakes-peares »Othello«. Dem italienischen Textdichter ist es gelungen, aus der kreidigen Konstruktion ein abgründiges Kammerspiel zu zaubern, das dank der Musik von Giuseppe Verdi auch mehr als 100 Jahre nach der Uraufführung noch immer unter die Haut geht. Und dies, obwohl im Stadttheater nur eine konzertante Aufführung (in italienischer Sprache) des »Otello« gezeigt wurde - die aber hatte es bei der Premiere am Samstag in sich.

Drei Stars standen mit Arantxa Armentia, Adrian Gans und Kip Wilborn auf der Bühne - hinzu kam ein vierter: Das Philharmonische Orchester Gießen samt Chor und Extrachor des Stadttheaters bewies unter dem Dirigat von Carlos Spierer einmal mehr, was romantischer Tiefgang bedeutet. Der Generalmusikdirektor hat mit der Umsetzung der Partitur sein Bravourstück für diese Saison abgeliefert. Spierer spürte in der durchkomponierten Oper sicher die Höhepunkte auf, setzte die Akzente mal elegant, mal wie hingetupft, schüttelte die Fermaten unmerklich wie ein Pikass aus dem Ärmel und ließ dem Orchester trotz des guten, weil straffen Tempos Raum, die Melodiebögen auszuformulieren. Der Maestro hatte stets den romantischen Duktus im Auge, der hell leuchtete und den kalten Juni-Abend wohlig erwärmte. Wäre Spierer ein Filmregisseur, ließe sich sagen: Das war großes Kino!

Die Bläser setzten Zeichen. Das Blech mit reiner Harmonie; pulsierend die emphatischen Hornklänge. Im Holz herrschte eitel Sonnenschein, hatte man sich viel zu erzählen, ohne dabei zu dick aufzutragen. Die Streicher, in großer Besetzung ganz auf Klangschönheit getrimmt, mussten alles geben, um mitzuhalten.

Der Chor, in der Bühnentiefe weitab vom Geschehen platziert (wo aber hätte man ihn bei der Vielzahl der Mitwirkenden sonst hinstellen sollen?), war von stupender Klasse. Leiter Jan Hoffmann hat wie gewohnt ganze Arbeit geleistet, wobei diesmal die Damen den Herren den Rang abliefen, vor allem der glockenklare Sopran suchte an Strahlkraft seinesgleichen.

Apropos Sopran. Arantxa Armentia als Desdemona sang bei ihrer Gießen-Premiere in den ersten drei Akten eine gute Partie, ehe sie im letzten Abschnitt ihr wahres Können demonstrierte. So fein, grazil und bei Bedarf energisch interpretiert weit und breit niemand das »Mia madre aveva una povera ancella«, verleiht keine dem sich anschließenden »Ave Maria« so viel Gefühl wie Armentia - im Publikum wurden die Taschentücher gezückt. Mit dieser grandiosen Leistung ließ die Sopranistin sogar die beiden Star-Solisten hinter sich.



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