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Papier als Mittel der Macht in der ehemaligen DDR

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Artikel vom 15.08.2013 - 17.21 Uhr

Papier als Mittel der Macht in der ehemaligen DDR

In einem aufschlussreichen Vortrag referiert Hans-Wolfgang Lesch in der Pankratiusgemeinde über die Absurditäten im damaligen Literatursystem.

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Aufschlussreich referiert Hans-Wolfgang Lesch in der Pankratiusgemeinde. (Foto: ali)
1963 in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Erzählung »Der geteilte Himmel« der Schriftstellerin Christa Wolf wird veröffentlicht. Die 19-jährige Rita lernt darin kurz vor dem Mauerbau einen jungen Mann kennen, sie verlieben sich und werden ein Paar – allerdings mit ungleichen Lebensvorstellungen. Denn ihr Freund hat den Glauben an das sozialistische System verloren, flüchtet in den Westen und dann passiert das, was vielen Familien 1961 auch in der Wirklichkeit passierte: Eine Mauer wird hochgezogen und trennt die Liebenden. Es ist die Geschichte zweier junger Menschen, die in einem Staat aufwachsen, der ihnen genau vorschreibt, wie sie zu leben haben. Wolfs Erzählung endet mit einem positiven und optimistischen Schluss, denn »es kommt darauf an, wie es ausgeht«.

Schriftsteller, die unter dem System der DDR arbeiten wollten, mussten sich den Regeln des Ministeriums für Kultur beugen. Die dem Ministerium unterstellte Hauptabteilung Verlage und Buchhandel sorgte dafür, dass jedes Manuskript vor einer eventuellen Veröffentlichung durch mehrere Instanzen ging und von Gutachtern analysiert wurde: Entspricht der Text den Maßstäben des »sozialistischen Realismus«? Vermittelt er marxistisch-leninistisches Gedankengut? Ein optimistischer Schluss, ein positiver Held und eine Darstellung, die den Leser zum Sympathisanten des Systems machen sollte, waren feste Bestandteile. Literatur hatte einen Auftrag: die Umerziehung des Menschen. »Greif zur Feder, Kumpel«: Um auch die gesellschaftlichen Gruppen außerhalb des Bildungsbürgertums mit Literatur anzusprechen und vom propagierten »Guten« zu überzeugen, rief man Arbeiter zum Schreiben auf. Die Kluft zwischen Arbeiter und Künstler sollte so überwunden werden. Auch Papier war ein Mittel der Macht – nur wer schrieb, was gelesen werden durfte, bekam auch Papier zum Drucken. Das Literatursystem der DDR unterband die Freiheit der Kunst und zeigt im Rückblick betrachtet, einen Widerspruch auf. Es war eine Aufforderung zum Schreiben, »wie es ist«, und die Zensur nahm zugleich vorweg, »wie es ist«. Was bleibt von der Kunst noch übrig, wenn sie von Regeln durchsetzt ist?

Der Germanist und Diplompädagoge Prof. Hans-Wolfang Lesch, der bis zu seiner Emeritierung an der Leuphana-Universität Lüneburg lehrte und heute Vorstandsmitglied der Brigitte-Reimann-Stiftung ist, beschäftigt sich seit der Jahrtausendwende mit DDR-Literatur. »Die Idee dazu ist aus einem Seminar entstanden, bei dem wir die Lyrik nach 1945 behandelten. Von Studentenseite resultierte daraus eine große Nachfrage bezüglich DDR-Lyrik. Und so nahm eine Reihe von Lehrveranstaltungen zu DDR-Literatur seinen Lauf.« Um diese lebendiger und authentischer zu gestalten, lud man DDR-Schriftsteller ein – und bekam großen Zuspruch. In seinem Vortrag zur »Geschichte der DDR-Literatur« ging er ausführlich auf die Entstehung, Verbreitung und Rezeption von Literatur in der DDR ein. Wolfs oben genannte Erzählung ist nur eines von zahlreichen Beispielen für unterdrückte Kunst. Vor knapp 50 aufmerksamen Zuhörern führte Lesch seine Gedanken aus, deren Absurdität bei ihm des Öfteren ein kopfschüttelndes Lächeln auslöste. Im Anschluss an den Vortrag wurde das Gespräch für das Publikum geöffnet. Der nächste Teil der Veranstaltungsreihe des Forum Pankratius widmet sich dem hochaktuellen und brisanten Thema Nahostkonflikt.

Anna Lischper

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Artikel vom 15.08.2013 - 17.21 Uhr
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