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Jokus-Leiter Jochen Romisch wünscht sich mehr Experimente

Artikel vom 29.07.2010 - 19.28 Uhr

Jokus-Leiter Jochen Romisch wünscht sich mehr Experimente

Kleine Strahler an der Decke hüllen das Café des Jugend- und Kulturzentrums Jokus in dämmriges Licht. Gleich, gegen 22 Uhr, wird es schließen. An einem schmalen Holztresen sitzen drei Jungs, lautstark plaudernd. Nur hin und wieder ist das Rumpeln und Poltern vom Raum gegenüber zu vernehmen, wo zwei Freunde eine Partie Tischfußball austragen.
Der Leiter des Jokus, Jochen Romisch (l.) begrüßt die Kümmerer Mauela Weichenrieder und Jörg Wagner.	(Fotos: srs)
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Der Leiter des Jokus, Jochen Romisch (l.) begrüßt die Kümmerer Mauela Weichenrieder und Jörg Wagner. (Fotos: srs)
»Wir kommen jede Woche hierher«, berichtet einer von ihnen, Manuel. Eigentlich sei er mit 22 Jahren zu alt. »Aber man findet hier nette Leute. Und Betreuer, mit denen man über alles reden kann.« Täglich suchen etwa hundert junge Gießener das Jokus in der Ostanlage auf, treffen sich mit Freunden, spielen Theater oder üben Stücke mit ihren Bands ein. »Wir leisten sowohl Kultur- als auch Sozialarbeit«, betont Jochen Romisch, der seit der Gründung 1984 die Geschicke des Jokus leitet - und starre Strukturen sowie eine zunehmende Bürokratisierung in der Verwaltung der Jugendarbeit beklagt.

»Soziokulturelles Zentrum« sei die treffendste Beschreibung, hält Romisch fest. Im kleinen Kreis schildert der Diplompädagoge am Mittwochabend seine Erfahrungen als Leiter des Jugendtreffs. Eingeladen dazu haben Manuela Weichenrieder und Jörg Wagner, die unter dem Namen Kümmerei regelmäßig Akteure der Kultur besuchen. Ein Ziel des Jokus sei, erläutert Romisch, Jugendliche zu Kreativität anzuregen und ihnen gleichzeitig Perspektiven aufzuzeigen. Dafür hat er ein Beispiel parat: Einmal sei ein regelmäßiger Besucher des Jokus beim Graffiti-Sprayen in der Stadt erwischt und zu gemeinnützigen Stunden verurteilt worden. »Wir haben ihm vorgeschlagen, die Stunden bei uns zu leisten, indem er das Treppenhaus mit Graffiti besprüht. Dass es auch gesellschaftlich nützliches Sprayen gibt, das war für ihn eine entscheidende Erfahrung.« Organisatorisch ist das Jokus dem Jugendamt zugeordnet. Aufgrund seiner jahrzehntelangen Tätigkeit, berichtet Romisch, genieße er zwar Freiheiten in der inhaltlichen Gestaltung. Doch habe sich die städtische Verwaltungsstruktur »in den vergangenen 30 Jahren nicht verändert«. Zertifizierungen und Richtlinien für Fördergelder bereiteten »jeder individuellen Entwicklung in der Jugendarbeit den Garaus«. Mehr Beweglichkeit und »Weitsicht« wünscht sich der Pädagoge von den politisch Verantwortlichen. »Ich wünsche mir mehr Urbanität, mehr Experimente.«

In einem Rundgang durch das Haus öffnet Romisch im ersten Stock eine schwere Stahltür: Dahinter sitzen Jugendliche im Kreis, reimen Textzeilen und tragen sie einander vor. Drei Hip-Hop-Gruppen treffen sich hier regelmäßig. Spuren jugendlicher Kreativität sind wenige Meter entfernt auch in einem Töpferraum zu entdecken, wo frisch geformte Tassen und Kannen aufgereiht sind. »Töpfern geht immer«, weiß Romisch. »Ohne Schwankungen.« Im Hausflur sitzen derweil Teilnehmer der Theater-AG und schreiben an einem Stück. Nebenan ist ein Übungsraum für Musiker. Miefig ist es hier und stickig. Auf einem Perserteppich liegen Mikrofone, leere Getränkeflaschen und Zettel mit Liedtexten. »Wenn Nachwuchsbands bei uns ein Konzert geben wollen, müssen sie nur fragen.« Der Konzertsaal befindet sich im zweiten Geschoss. Nebenan ist ein alter Vorführraum mit Filmprojektor zu finden - ein Relikt der Kinoabende, die es seit 2005 nicht mehr gibt. Durch grau und weiß gestrichene Flure führt der Pädagoge die Gäste dann weiter. Im Erdgeschoss ist schließlich der »Hort der klassischen Jugendsozialarbeit«, die ein Drittel der Tätigkeit ausmache, wie Romisch erklärt: das Café und ein Bewegungsraum mit Tischtennisplatte und Tischfußball als Treffpunkt.

Mit der Vielzahl an Angeboten unterscheidet sich das Jokus von seinem Vorgänger, dem Jugendzentrum Kanzleiberg. 1972 war dieses am Brandplatz ins Leben gerufen worden - und scheiterte. »Überwiegend haben Jugendliche mit psychosozialen Problemen den Kanzleiberg aufgesucht. Irgendwann ist da deshalb kein anderer mehr hingegangen«, erinnert sich Romisch, der dort 1979 als Pädagoge anfing.

Romisch selbst ist inzwischen 57. »Alt werden in der Jugendarbeit ist durchaus ein Problem«, räumt er ein und schmunzelt. »Bei Konzerten gebe ich mir inzwischen den Habitus als Hausmeister. Damit umgehe ich Fragen, was ich eigentlich hier will.« Weitere Infos gibt’s im Internet: www.jokus-giessen.de.

Stefan Schaal

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Artikel vom 29.07.2010 - 19.28 Uhr
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