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»Geleso« erzählt von Jugendlichen in der DDR

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Artikel vom 28.05.2015 - 17.31 Uhr

»Geleso« erzählt von Jugendlichen in der DDR

Die DDR und die Erfahrungen von Jugendlichen »drüben« sind Thema der diesjährigen »Geleso«-Autorenlesungen und Autorin Grit Poppe und Zeitzeuge Detlef Jablonski sorgten für einen beeindruckenden Auftakt.

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Grit Poppe erzählt in ihrem Buch »Schuld« von einem Jugendlichen, der mit dem DDR-Regime aneinandergerät. Detlef Jablonski hat das am eigenen Leib erfahren. (Foto: gl)
Wenn Detlef Jablonski erzählt, was ihm als Heranwachsendem in der DDR geschehen ist, dann läuft den Zuhörern ein kalter Schauer über den Rücken. 1955 wurde er im Frauengefängnis in Jerichow geboren, wuchs bei Pflegeeltern – oder, wie er sagt, einer »Schlägemutter« – auf, wurde zweimal als Jugendlicher beim Versuch einer »Republikflucht« erwischt und zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Im Arbeitslager »Schwarze Pumpe« wurde Jablonski mit »Kriminellen, Kinderschändern und Wahnsinnigen« eingesperrt – und dabei wollte er doch einfach nur zu seiner im Westen lebenden leiblichen Mutter. Das Abitur wurde ihm verweigert, er wurde zur Volksarmee zwangsrekrutiert, als sogenannter »Staatsfeind« observiert und schikaniert und ertränkte sein Leid im Alkohol. 1987 schließlich wurde sein Ausreiseantrag in die BRD genehmigt. Seitdem schlägt er sich als Liedermacher in Berlin durch. Doch noch immer schreckt er nachts hoch, hört im Schlaf das Schrillen der »Ostklingel« an der Tür, das Schlagen der Türen im Knast. »Das wird mich nie verlassen, aber ich habe gelernt, damit besser umzugehen«, erzählt er mit Sarkasmus in der Stimme und man ahnt, welche Narben die Seele dieses Mannes hat.

Gemeinsam mit der Kinderbuchautorin Grit Poppe, 1964 als Tochter des Bürgerrerechtlers Gert Poppe in der DDR geboren, berichtet Jablonski von diesem Leben, das ihm so übel mitgespielt hat. Die beiden sind Gäste des Literarischen Zentrums, das mit ihnen seinen Geschichtslesesommer »Geleso« im restlos mit Schülern und Studenten gefüllten Konzertsaal des Rathauses eröffnet. Die DDR und die Erfahrungen von Jugendlichen »drüben«, jenseits der Mauer, sind Thema der diesjährigen »Geleso«-Autorenlesungen und Poppe und Jablonski sorgen für einen beeindruckenden Auftakt.

Was Jablonski als »einer von Tausend« in der Realität erlebt hat, macht Poppe zum Thema ihres fiktiven Jugendromans »Schuld«. Sie erzählt von der Bonzentochter Jana, die sich in den republikkritischen Jungen Jakob verliebt. Der verteilt Flugblätter für Reisefreiheit, wird erwischt und landet im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau (siehe Foto oben), einer Strafanstalt, in der er mit Gewalt, Schikanen und Demütigungen gebrochen werden soll. Erst Jahre später, als Jana ihre Stasi-Akte liest, kommt heraus, wer Jakob verraten hat, wer »Schuld« hat an dem Unrecht, das ihm widerfahren ist.

Poppe, die das Los von jugendlichen »Staatsfeinden« in der DDR schon in ihren Jugendromanen »Weggesperrt« und »Abgehauen« zum Thema gemacht hatte, hat genau recherchiert und die unfassbaren Geschichten in einen spannenden Jugendroman verpackt. Wenn sie von »Zersetzungsmaßnahmen« oder vom Vorwurf der »Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit« berichtet, dann wird ein ganz dunkles Kapitel der DDR aufgeschlagen. Dann wird das Leben der Jugendlichen jenseits der Mauer, die das junge Publikum im Konzertsaal nicht mehr persönlich erlebt hat, plötzlich ganz greifbar. Was hätte ich gemacht, wenn mich Stasi-Leute aus der Schule geholt hätten? Wie hätte ich es geschafft, Gewalt und Drill solcher »Erziehungsmaßnahmen« zu überleben? Und wie fühlt es sich an, wenn man Angst haben muss, dass einen die eigenen Freunde verraten könnten? Diese Gedanken mögen die jungen Zuhörer an diesem Morgen umtreiben und sie füllen gleich körbeweise Zettel mit Fragen an die Autorin und den Liedermacher aus, die Karina Fenner vom Literarischen Zentrum vorträgt.

Zu Lesung und Zeitzeugengespräch hatten mit dem LZG und dem Germanistik-Institut auch das JLU-Institut für Didaktik der Geschichte und der Verein »Gegen Vergessen – für Demokratie« eingeladen. Um gezielt auch Schüler zum Besuch anzuregen, wurde die diesjährige »Geleso«-Reihe auf den Vormittag verlegt – ein gelungener Schachzug, wie der restlos gefüllte Konzertsaal der Auftaktlesung dokumentierte. Zwei weitere Lesungen zum Thema Jugend in der DDR stehen noch auf dem Programm: Am 29. Juni liest Dorit Linke aus ihrem Roman »Jenseits der blauen Grenze« und am 10. Juli ist Graphic-Novel-Autor Flix mit seinem Comic »Da war mal was« zu Gast. gl

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Artikel vom 28.05.2015 - 17.31 Uhr
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