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»Die fetten Jahre sind vorbei« im TiL

Artikel vom 18.09.2011 - 18.44 Uhr

»Die fetten Jahre sind vorbei« im TiL

Was nutzt Rebellion, wenn sie nicht durchdringt, wenn man nur zu dritt etwas unternimmt, aber keine Nachahmer findet? Dieser Frage geht die neue Produktion auf der TiL-Studiobühne nach, die eine überaus gelungene Premiere gefeiert hat.

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Was sollen sie nur tun: Jule (Marie Bauer), Peter (Corbinian Deller) und Jan (Pascal Thomas) (von links), sind ratlos. (Fotos: Dietmar Janeck)
Drei junge Leute auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz im Leben schreien sich in »Die fetten Jahre sind vorbei« ihre Wut aus der Seele, werden kriminell, straucheln und geben beinahe auf. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner. Jan (Pascal Thomas), Peter (Corbinian Deller) und Jule (Marie Bauer) wollen sich nicht mit den Ungerechtigkeiten in der Welt abfinden. Um ihrer Verachtung gegenüber der reichen Oberschicht Ausdruck zu verleihen, brechen sie in Villen ein, räumen dort die Möbel um, stehlen aber nichts. Ausgerechnet, als sie sich das Haus von Hardenberg vornehmen, dem Jule einen Haufen Geld schuldet, werden sie überrascht. Und schon finden sie sich mitten in einer Entführung wieder, verschleppen den gefesselten Mann in eine Berghütte und suchen verzweifelt nach einer Lösung. Was die Situation noch verschlimmert: Peter stellt fest, dass seine Freundin Jule sich in Jan verliebt hat.

Regisseur Carsten Fuhrmann bleibt mit der Inszenierung eng an der Filmvorlage. Um konkrete politische Bezüge bemühen sich beide nicht, genauso wenig wie die drei Rebellen selbst, ist doch das Thema an sich sowieso aktuell. Und dieser Umstand bezeichnet auch die Position von Jule, Peter und Jan: Konkrete Änderungsvorschläge haben sie nicht. Fuhrmann lässt sie über die Bühne hetzen, ihre Lebensfreude austoben, resigniert den Kopf in die Hände stützen und den komplett besetzten Zuschauerraum ausnutzen, bis sie selbst nicht mehr genau wissen, wofür sie eigentlich kämpfen.

Das Einzige was sie wissen ist, dass es Menschen gibt, denen es viel besser geht als anderen. Und gegen diese – gefühlten, nicht rechtlichen – Ungerechtigkeit begehren sie auf. Dabei finden sie sich schließlich in einer ausweglosen Situation wieder, die bezeichnend ist für ihr Leben. Und als sie dann in Hardenberg einen Alt-68er in Anzug und Krawatte erkennen, bringt sie das zum Nachdenken. Statt für ihre Sache zu kämpfen, sind sie zu Terroristen geworden, die ihr Opfer mit einer Waffe bedrohen und keine Chance mehr auf ein anderes Leben haben. »Wir haben das nicht gemacht, um die Welt zu retten, sondern nur unseren eigenen Arsch«, stellt Jule fest.

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Täter und Opfer: Hardenberg (Christian Lugerth, Mitte) mit Peter (Corbinian Deller) und Jan (Pascal Thomas, rechts).
Die drei Schauspieler vermitteln die Entschlossenheit, den Enthusiasmus, aber auch die Verzweiflung der Widerständler eindrucksvoll und intensiv. Dabei unterstützt sie das schlichte Bühnenbild von Udo Herbster. Drei mit Papier bezogene, bewegliche Stellwände werden mit den entsprechenden Requisiten immer wieder zu neuen Räumen, mit Farben bemalt und mit Büchern durchworfen.

Christian Lugerth gibt dem entführten Hardenberg einen überraschend amüsanten Gleichmut. Immer wieder bringt er die Zuschauer mit seinem spießigen Pseudo-Rebellentum zum Lachen und sorgt für die witzigen Momente im ansonsten ernsten und sehr eindringlichen Stück. Als er sich erst einmal gesammelt hat, findet Hardenberg sich schnell zurecht und tanzt seinen Entführern schon beinahe auf der Nase herum. Fuhrmann zeigt die linke Jugendbewegung mit all ihren Argumenten, Hoffnungen und Träumen deutlich, aber ohne sie auf ein Podest zu heben oder sie zu verurteilen. So können die begeisterten Zuschauer sich nachher selbst überlegen, wo die Wahrheit denn liegen mag: bei den jungen Leuten, dem Spießer oder irgendwo dazwischen. Katrin Nahrgang

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Artikel vom 18.09.2011 - 18.44 Uhr
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