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Begeisterndes Sinfoniekonzert im Stadttheater

Artikel vom 27.01.2010 - 20.28 Uhr

Begeisterndes Sinfoniekonzert im Stadttheater

Beim sechsten Sinfoniekonzert im Stadttheater präsentierte Generalmusikdirektor Carlos Spierer am Dienstagabend Werke von Mozart, Rihm und Bruckner. Tanja Tetzlaff überzeugte am Cello.
Virtuos und leidenschaftlich: Cellistin Tanja Tetzlaff.	(Agenturfotos)
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Virtuos und leidenschaftlich: Cellistin Tanja Tetzlaff. (Agenturfotos)
Nicht alles, was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, muss es auch sein. Manches ergänzt sich auf wundersame Weise. Nehmen wir die Noten. Sie bilden das solide Fundament aller Musik, die Ratio, und lassen wissen: Hier hat alles seine Ordnung, schwarz auf weiß lässt sich das nachlesen. Erst wenn die Noten in Töne verwandelt werden, kommt ein anderer Aspekt hinzu: die Emotion. Obwohl Vernunft und Emotion oft (und fälschlicherweise) als Gegensätze angesehen werden, gehen sie in der Musik Hand in Hand, wie am Dienstagabend das sechste Sinfoniekonzert der laufenden Spielzeit im Stadttheater bewies. Das Philharmonische Orchester Gießen unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer demonstrierte in drei Werken aus der Klassik, Romantik und Neuen Musik, was es heißt, aus den unterschiedlichsten Ursprüngen große Gefühle erwachsen zu lassen. Mit Mozart, Bruckner und Rihm wagte Spierer das musikalische Spagat, das er dank seines gut aufgelegten Ensembles, der Cellistin Tanja Tetzlaff und des »Auftakt«-Überraschungsgastes Eri Inoue meisterte, als sei nichts einfacher als das.

Bei Wolfgang Amadeus Mozart mag dies angehen. Die Leichtigkeit des Wiener Klassikers einzufangen, gehört zum Standard eines jeden guten Orchesters. Auftaktsolistin Eri Inoue von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt demonstrierte im ersten Satz des 5. Violinkonzerts ihr Können. Ihr gleichsam einfühlsamer wie stringenter Ton harmonierte mit dem Orchester, auch die technisch schwierigen Passagen am Schluss des Stücks gelangen der 30-jährigen Japanerin vortrefflich.

Dieser leicht verdaulichen Kost folgte mit Wolfgang Rihms »Konzert in einem Satz« für Violoncello und Orchester eine vertrackt anmutende Komposition, die sich bei genauem Hinhören als nachvollziehbar entpuppte.

Rihm, 1952 in Karlsruhe geboren, verzichtet in seinem als Auftragskomposition für die Salzburger Festspiele 2006 entstandenen Werk auf grobe Atonalität und Effekthascherei. Er lässt das Soloinstrument vielmehr die komplette Bandbreite des technisch Spielbaren ausloten - folglich stellt das »Konzert in einem Satz« für jeden Cellisten eine Herausforderung dar. Die Dreisätzigkeit suggerierende Benennung »Allegro moderato e cantabile«, »Arioso« und »Più tranquillo (molto cantabile)« darf als reine Tempobezeichnung verstanden werden, die Teile gehen ohne Pause ineinander über.

Tanja Tetzlaff bewies in den abenteuerlichsten Läufen und Doppelgriffen sowie in einer ausgefeilten Passagentechnik große Virtuosität. Ganz eins mit der Musik wiegte sie ihr Instrument im Takt, um sich in Windeseile (bisweilen übergangslos) von den tiefsten Tönen hinauf in die höchsten Lagen zu schwingen - was spielerisch aussah, war Schwerstarbeit über vier Oktaven hinweg. Die Korrespondenz der Solistin mit dem von Spierer sicher geführten Orchester beeindruckte. Langer Applaus war nach dieser stimmungsvollen Darbietung der verdiente Lohn. Als Zugabe kredenzte Tetzlaff die Sarabande aus der Suite für Violoncello solo Nr. 3 in C-Dur von Johann Sebastian Bach.

Nach der Pause ein Titan: Anton Bruckner. Spierer wählte die 9. Sinfonie, Bruckners letzte, die unvollendet blieb. Schon bevor er mit der Arbeit begonnen hatte, wähnte der tiefgläubige und stets von Selbstzweifeln gepeinigte Komponist, nach der Neunten - die er »dem lieben Gott« widmete - werde für ihn Schluss sein, kein großer Sinfoniker komme darüber hinaus. Der abergläubische Österreicher sollte in seinem Fall recht behalten. Er vollendete die ersten drei Sätze; vom finalen vierten existierten nur Skizzen, als Bruckner 1896 nach langer Krankheit starb. Hätte er seine ersten beiden Sinfonien anerkannt - die »Studiensinfonie« und die »Nullte« -, sähe die Arithmetik anders aus und der sensible Künstler, der zu Lebzeiten nie so bewundert wurde wie Mozart, nie so geachtet war wie Beethoven oder so umjubelt wie Liszt, wäre womöglich etwas entspannter ans Werk gegangen.



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Artikel vom 27.01.2010 - 20.28 Uhr
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