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Adriana Altaras schreibt über ihre Familie

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Artikel vom 10.03.2011 - 19.25 Uhr

Adriana Altaras schreibt über ihre Familie

Adriana Altaras, Tocher der mittlerweile verstorbenen Eheleute Jakob und Thea Altaras, hat in ihrem Buch »Titos Brille« die Geschichte ihrer »strapaziösen Familie« aufgeschrieben. Das Buch bietet allerdings mehr als nur lokalhistorisch interessante Details.

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»Mein Vater involvierte alle und jeden in sein Projekt. Er spornte sie an, hatte sie überzeugt, dass sie an Großem beteiligt waren. Meine Mutter, seine Arbeitskollegen in der Uniklinik, der Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Oberbürgermeister. Alle bekamen Aufgaben, Juden wie Nicht-Juden. Ganz Gießen eine jüdische Gemeinde.« Wer sich in der aktuellen Gießener Stadtgeschichte ein wenig auskennt, weiß sofort um wen es geht: um Prof. Jakob Altaras, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde seit ihrer Gründung 1978 bis zu seinem Tod 2001.

Dass Jakob Altaras dieses Projekt gelungen ist, mag ein weiteres Zitat belegen. Seine Frau Thea starb knapp drei Jahre nach ihm. Ihre Beerdigung drohte zwischen jüdischer Bestattungsvorschrift und deutscher Friedhofssatzung auf der Strecke zu bleiben. Doch: »Was mir bei meinem Vater noch undenkbar schien, wird nun Wirklichkeit: Eine deutsche Verwaltung stellt einen christlichen und einen nationalen Feiertag zurück um meine Mutter zu beerdigen!« Passiert am einem Sonntag, den 3. Oktober; am Tag zuvor, dem Schabatt, beerdigen Juden nicht, am Montag wäre es den Vorschriften nach zu spät gewesen.

Adriana Altaras hat die Geschichte ihrer »strapaziösen Familie« aufgeschrieben, druckfrisch bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel »Titos Brille« erschienen. Das Buch bietet allerdings wesentlich mehr als lokalhistorisch interessante Details. Es ist die persönliche Aufarbeitung einer europäisch-jüdischen Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts, die von Jugoslawien (Split und Zagreb) über Italien (Mantua) und die Schweiz (Zürich) bis nach Deutschland (Gießen, Marburg, Berlin) reicht. Es ist auch die jüdische Selbstfindung aus der Sicht eines Kindes von Überlebenden. Nicht erst durch die Tode ihrer Eltern wurde die Autorin gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Mit deren Sterben wurde sie gezwungen, sich auch um intime Details zu kümmern. Wegen des ganzen »Mülls«, den sie sichten muss. Zuerst im Büro ihres Vaters, dann in der Wohnung der Eltern. Wie geht man mit den all den Erinnerungen um, wenn die Eltern offenbar nie etwas weggeworfen haben. Allein Quittungen aus 34 Jahren! Das Buch ist auf seine humorvoll-ehrliche Art auch ein Ratgeber im Trauerfall.

Erzählt wird die Geschichte des Vaters Jakob Altaras, ein »Straßenjunge aus ärmlichen Verhältnissen«, der »sicher eine glanzvolle politische Karriere hingelegt hätte, wenn seine Genossen ihn nicht ausgeschlossen hätten« (1964). Er war ein legendärer Held der Partisanenarmee, er hatte Tito das Leben gerettet. Und er hatte dessen Brille geflickt. So aber wurde er Medizinprofessor an einer deutschen Universität in der Provinz. »Er musste sich mit Gießen abfinden, das nicht gerade der Nabel der Welt ist«, lautet das Fazit seiner Tochter. Er hat sich eingelassen in Gießen, hat seine Freunde gefunden und offenbar drei Geliebte gehabt. Auch mit dieser Konfrontation muss die Tochter lernen umzugehen.

Ihre Mutter Thea (geb. Fuhrmann) hat sich ebenfalls eingelassen, aber anders, eher distanziert und mit Vorliebe am Schreibtisch arbeitend. Die frühpensionierte Architektin fuhr 20 Jahre lang durch hessische Dörfer auf den Spuren des Landjudentums; ihr letztes Buch konnte sie selbst nicht mehr vollenden. Warum tat sie das, wo sie doch nach der Internierung geschworen hatte »nie mehr jüdisch zu sein«. »Sie fuhr durch Hessen, als sei es der Balkan. Und sie suchte nach den verlorenen Menschen, nach dem verlorenen Leben, als sei sie wieder zur Sommerfrische auf dem Land. Sie hat alles gesammelt. Sie wusste alles. Vielleicht hat sie es nie geliebt, aber gekannt hat sie es.«

Adriana Altaras erzählt auch von ihrem eigenen Leben in Berlin, von ihrer Ehe mit einem blonden Nicht-Juden aus Westfalen (gegen den Wunsch der Eltern) und ihren zwei Söhnen. Von ihrer Arbeit als Schauspielerin, in der sie auf die Rolle der ausländischen Putzfrau reduziert war, und als erfolgreiche Regisseurin. Von ihren Freunden und der Politik, von ihrer geliebten Tante in Italien, bei der sie zeitweise aufgewachsen ist, bevor die Eltern sie nach Deutschland holten und auf das Waldorf-Internat in Marburg schickten. Ein Leben zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen, das bei allem gebotenen Ernst mit großem Witz und höchst kurzweilig erzählt wird. Eine berührende Mischung aus analytischer Selbstreflexion und exemplarischer Geschichtsstunde. Dagmar Klein





Adriana Altaras: Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie, Kiepenheuer & Witsch Verlag, gebunden, 272 Seiten, 18,95 Euro.

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Artikel vom 10.03.2011 - 19.25 Uhr
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