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Ärztin droht der Entzug ihres Doktortitels

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Artikel vom 22.06.2012 - 11.20 Uhr

Ärztin droht der Entzug ihres Doktortitels

Gießen (si). Die Justus-Liebig-Universität hat bei der Frage, ob ihr Fachbereich Medizin ethisch bedenkliche und manipulierte Doktorarbeiten abgesegnet hat, jetzt erstmals in einem Fall ein »grob fahrlässiges wissenschaftliches Fehlverhalten« festgestellt.

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Die Justus-Liebig-Universität geht dem Vorwurf nach, dass ihr Fachbereich Medizin ethisch bedenkliche und manipulierte Doktorarbeiten angenommen haben soll. (Foto: Schepp)
Als überführt gilt eine Frau, die in Gießen studierte und im Jahre 2000 promoviert worden ist. Sie war, wie alle anderen Doktoranden, gegen die die Hochschule ermittelt hat oder noch ermittelt, von dem frühere Gießener Medizin-Professor B. betreut worden, der bis Ende 2010 hauptberuflich als Chefanästhesist an einem Klinikum in Rheinland-Pfalz tätig war und der in mindestens 89 Fällen medizinische Studien ohne Zustimmung und Wissen der Patienten durchgeführt haben soll (die GAZ berichtete mehrfach).

JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee sei dem Vorschlag der zuständigen »Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis« gefolgt und habe die Frau verplichtet, einen »offensichtlich gefälschten Teil ihrer Dissertation zu widerrufen«, teilte die Hochschule am Donnerstag mit. Gleichzeitig wurde die Ärztin ultimativ aufgefordert, sich gegen ihre Aufnahme als Mitautorin bei einer früheren Veröffentlichungen des ehemaligen Chef-Anästhesisten zu verwahren. Mukherjee hat den Fall an den Promotionsausschuss des Fachbereichs Medizin zurückverwiesen. Der soll nun »im Licht der neuen Erkenntnisse« prüfen, ob der Medizinerin T. der Doktortitel entzogen werden muss.

Die Daten ihrer Dissertation wurden 1998 (auch unter ihrem Namen) erstmals veröffentlicht. Bei Abgabe ihrer Doktorarbeit war sie bereits seit fünf Jahren Fachärztin und arbeitete schon seit zehn Jahren unter der Leitung des Mediziners B., der in der Abteilung für Anästhesiologie des Gießener Universitätsklinikums seine Karriere gestartet und hier bis Anfang 2011 eine außerplanmäßige Professur mit den Schwerpunkten Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin hatte.

Die Kommission, die die Veröffentlichungen der Frau untersuchte, stellte nun fest, dass die Daten der früheren Veröffentlichung (1998) zum Teil erheblich von den Daten der zwei Jahre später eingereichten Dissertation abwichen. Sie kam zu dem Schluss, dass die Daten in der Doktorarbeit zutreffend waren. T. habe den Beitrag mit den gefälschten Daten im Literaturverzeichnis aufgeführt, allerdings ohne sich kritisch mit den Widersprüchen auseinanderzusetzen, urteilte die Kommission. In einer Stellungnahme hatte sie erklärt, dass sie an dem 1998 erschienenen Artikel trotz der Nennung ihres Namens nicht mitgewirkt habe.

Die Kommission ging auch dem Vorwurf nach, dass die Studie ohne Genehmigung der Ethikkommission durchgeführt worden sein könnte. Das bestätigte sich aber nicht. Anästhesist B. habe für das Projekt 1996 einen Antrag eingereicht. Es gebe keine begründete Zweifel daran, dass die Studie den Vorgaben der Ethikkommission entsprochen habe.

Offen ist jetzt auch noch der Fall des Mediziners P., der 2005 mit Daten aus einer höchstumstrittenen Studie an schwerkranken Patienten promoviert worden war – ihnen war bei Operationen, mutmaßlich am Gießener Universitätsklinikum und schon in den Jahren 1993/94, Blut entnommen und der Blutplasma-Ersatzstoff HES verabreicht worden, ohne dass sie davon wussten. Die Arbeit von P. liegt nun schon seit gut einem Jahr beim Promotionsausschuss des Fachbereichs Medizin, bislang ist kein Ergebnis bekannt geworden.

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Artikel vom 22.06.2012 - 11.20 Uhr
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