Wann fangen Niederlagen an, weh zu tun? Bei einem Tor, bei zwei Treffern - oder dann, wenn der gegnerische Rechtsaußen seinen 30:20-Gegenstoß in der vorletzten Minute im Energiesparmodus läuft, den Wetzlarer Keeper auch noch mit einem Zeitlupen-Trickwurf »hänselt« und schon ab der Mittellinie keiner der HSG-Akteure Anstalten gemacht hat, überhaupt noch einzugreifen? »Ohne Herz geht es nicht. Wer keines hat, sollte zu Hause bleiben«, kritisierte Trainer Michael Roth ungewohnt offen seine Mannschaft nach dem 21:30 (8:14) am Sonntag gegen die SG Flensburg/Handewitt.
SELTEN SO DYNAMISCH: Alois Mraz knickt gegen die Flensburger Deckung mit Tobias Karlsson und Oscar Carlen (6) ab. Beim 21:30 gegen den Champions-League-Kandidaten waren die Wetzlarer Angreifer oftmals aber viel behäbiger. (Foto: Vogler)
Das neuerliche Debakel nur acht Tage nach dem 18:29 (5:16) beim TBV Lemgo zeichnete sich bereits früh im ersten Abschnitt ab. Michael Allendorf mit einem verworfenen Siebenmeter (3.) sowie Alois Mraz und Avishay Smoler mit unkonzentrierten Abschlüssen halfen den Norddeutschen zum 1:4 (7.) klassisch auf die Sprünge. »Wir haben uns mit dem 1:4 und 2:5 selbst gleich in Schwulitäten gebracht«, gestand der weiter unter Normalform agierende Spielmacher Timo Salzer selbstkritisch ein, und Linksaußen Kevin Schmidt, im zweiten Abschnitt noch einer der Engagiertesten, stellte fast schon resignierend fest, »selbst bei Fünf gegen Fünf den Außen nicht freibekommen« zu haben.
»Es erwartet ja niemand, dass wir hier gegen Flensburg gewinnen«, äußerte sich ein seit 25 Jahren bekennender HSG-Anhänger schon beim 8:14 zur Pause, »aber wenigstens kämpfen sollten sie doch.« Ohne Herz? Ohne Kampfgeist? Das sind die schlimmsten aller Vorwürfe an Profisportler. Wer den leidenschafts- und emotionslosen Auftritt allein bis zum 9:17 (35.) kurz nach Wiederbeginn verfolgt hatte, konnte allerdings sehr wohl zu dieser Schlussfolgerung kommen.
Der Wetzlarer Offensive fehlten von Beginn an Tempo und Kreativität. Der gebundene Angriff wirkte tatsächlich wie festgebunden, das 3:5 von Sven Sören-Christophersen (10.) oder auch das 6:8 von Alois Mraz (17.) waren eher Zufallsbekanntschaften des Wurfgerätes mit dem Flensburger Netz. Die Grün-Weißen spielten so statisch, als müssten sie erst noch die Statik für ihr eigenes Spielgerüst berechnen.
Ganz anders die Flensburger, bei denen bereits der ballführende Spieler sofort das Tempo aufnahm und somit für atemraubende Ballstafetten sorgte. Das Leder wanderte schneller und dynamischer, als die Wetzlarer schauen konnten; das Gäste-11:6 (20.) durch Linksaußen Michael Eggert ähnelte vom schwindelerregenden Ablauf her dem Münchner Fußball-1:1 am Samstag beim 1. FC Köln, angefangen vom Klose-Hackentrick bis zum Schweinsteiger-Abschluss.
So endete die erste Hälfte - natürlich - mit einer vergebenen freien Wurfchance von Michael Allendorf; so begann der zweite Abschnitt - selbstverständlich - mit der Demonstration der Flensburger Stärke durch Lasse Boesen (15:8) und Oscar Carlen (16:8, 17:8). Bezeichnend für das mutlose Spiel der Wetzlarer war der erste Treffer von der Außenposition durch Kevin Schmidt (10:17) nach langen 35 Minuten; mehr noch aber das erste und einzige Kreistor überhaupt von Georgios Chalkidis in der 60. (!) Minute zum demaskierenden 21:30-Endstand.
Drei Teams sind noch in den Abstiegskampf der Handball-Bundesliga verstrickt: HSG Wetzlar, TV 05/07 Hüttenberg, Bergischer HC. Wer schafft den Klassenerhalt?