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Unerträgliche Konfrontation

Artikel vom 01.09.2010 - 11.46 Uhr

Unerträgliche Konfrontation

Es ist ein Tag wie so viele Sonntage schon zuvor. Bis die Tür aufgeht – und eine Nachricht vom Redaktionsflur in die Runde hineingerufen wird: »Stefan Bellof ist schwer verunglückt.« Die fröhliche Stimmung wandelt sich in Schockstarre: Kein Gedanke mehr an Kreisliga-Fußball, der noch eintelefoniert werden muss.

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Es ist der 1. September 1985. Es gibt noch kein Internet, keine Handys, keine Livecams oder Ähnliches. Jeder, der ein bisschen mit dem Motorsport vertraut ist, weiß um die Schwere der Mitteilung. »Schwer verunglückt« ist in dieser Zeit unter anderem ohne carbonverstärktes Monocoque oder ordentliche Sicherheitsstandards an den Rennstrecken meist gleichbedeutend mit dem Tod. Es ist nicht so, als wäre es gestern gewesen, dafür sind immerhin 25 Jahre vergangen. Allerdings sind die Erinnerungen an diesen Tag auch nach einem Vierteljahrhundert noch immer präsent in der Erinnerung.

Es ist die Konfrontation mit dem Unvermeidlichen – mit dem Tod. Wenige Wochen zuvor noch mit Stefan Bellof beim Interview in seinem Teambus beim 1000-km-Rennen in Hockenheim gesessen und auch die Rennen auf dem Norisring in Nürnberg verfolgt, wird es ein Interview beziehungsweise eine persönliche Begegnung nie mehr geben. Ein unerträglicher Gedanke.

An diesem Sonntagnachmittag vor 25 Jahren sind keine Informationen über Stefan Bellofs Zustand zu bekommen. Niemand per Handy an der Strecke zu erreichen. Wie auch in Zeiten ohne Mobiltelefone? Stefan Bellof wird aus dem völlig zertrümmerten Wrack geborgen und ins Hospital gebracht. An der Strecke hoffen noch die Fans – doch Stefan Bellof ist längst von uns gegangen. Viel später erreicht auch Gießen die Todesmeldung. Man hofft später in der Sportschau auf weiterführende Informationen, Bilder oder Filmaufnahmen. Das Warum und Wieso sucht nach Antworten. Doch mehr als eine am Sendeschluss kurz verlesene Mitteilung vom Unfall und Ableben Stefan Bellofs wird es nicht geben.

Es ist kein Tag für Wunder. Der Nachhauseweg am Abend führt vorbei am Lackierbetrieb Bellof, die Gedanken halten kurz inne und landen beim Foto von Stefan, als er als kleiner Junge im Goggomobil über den Firmenparkplatz fährt. Zu Hause wird durch die wenigen Fernsehprogramme geschaltet – erst später wird das Zappen genannt – doch der Informationsdurst wird dadurch nicht gestillt. Es gibt keine Antworten auf viel zu viele offene Fragen. Es gibt keine Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten via Internet austauschen zu können.

Mitteilen und austauschen heißt auch ein wenig den Schmerz teilen. Man ist mit seiner persönlichen Trauer allein, liegt im Bett und findet keinen Schlaf. Naiv und hilflos fragt man sich, wieso können wir nicht die Zeit um drei, vier Wochen zurückdrehen und Stefan Bellof vor diesem Rennen, vor dieser Kurve und vor diesem Überholmanöver warnen?

Der Lackierbetrieb Bellof im Gießener Westen ist längst abgerissen und musste Neubauten weichen. Und doch ist dieser Ort einer geblieben, der in Gedanken immer mit Stefan Bellof zu tun haben wird. Einem Teil der heutigen und natürlich späteren Generationen wird dies nicht mehr möglich sein, allerdings wird die allgemeine Erinnerung im Internet und im »Memorial« in Alten-Buseck lebendig gehalten. Ein lebendiger Stefan Bellof wäre uns allerdings lieber. Seit 25 Jahren.    (htr)

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Artikel vom 01.09.2010 - 11.46 Uhr
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