(jms) »Ich denke, dass kein Spieler nach diesem Spiel zufrieden sein kann. Wir haben zum Teil disziplinlos gespielt und unsere Vorgaben nicht erfüllt. Darüber haben wir gleich nach dem Spiel gesprochen und darüber werden wir auch noch im Training zu sprechen haben«, sagte Zoran Djordjic, der Trainer des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar, der nach dem 36:28 (16:11)-Sieg seiner Truppe über Schlusslicht und Zwangsabsteiger Tusem Essen nicht gerade gut gelaunt war. Verständlich, dass er kritische Töne anschlug, denn seine turmhoch überlegene Mannschaft verpasste es, aufgrund einiger zu lässig und sorglos abgeschlossener Aktionen ein wesentlich besseres Resultat zu erzielen.
EINE GUTE LEISTUNG zeigt Wetzlars Petar Djordjic (hinten), der hier von Essens Patrick Wiencek bedrängt wird. (Foto: ras)
Das Team aus dem Ruhrpott hatte von der ersten Minute an nichts entgegenzusetzen und war körperlich, spielerisch, taktisch und in puncto Tempo und Erfahrung kein ernstzunehmender Gegner. Umso erstaunlicher, dass sich die Mittelhessen vor der starken Kulisse von 3620 Zuschauern kurzzeitig die Blöße gaben und nach einem Gegentreffer durch Eveny Vorontsov eine komfortable Führung verspielten. Plötzlich waren die harmlosen Essener auf 11:12 herangekommen, und das treue und durchaus leidensfähige Publikum reagierte mit vereinzelten Pfiffen. »So eine Phase darf nicht passieren. Wir waren nicht richtig bei der Sache. Es ist natürlich nicht leicht, sich gegen so einen Gegner in jeder Phase zu motivieren. Die Pfiffe waren aber berechtigt«, meinte Wetzlars Keeper Nicolai Weber gewohnt selbstkritisch.
Doch aus der Hand gab die HSG das Spiel nicht. Auch weil die beiden Kreisläufer Gregor Werum und Georgios Chalkidis mit einer starken Leistung in die Bresche sprangen und den »Mini-Rückraum« entlasteten. Denn nachdem sich unter der Woche Sven-Sören Christophersen mit einem »Zwicken in der Wade« abgemeldet hatte, musste der junge Petar Djordjic gemeinsam mit Timo Salzer und dem leicht angeschlagenen Chen Pomeranz die Kohlen aus dem Feuer holen. Nachdem Werum ein Djordjic-Zuspiel in der 25. Minute zum 13:11 verwandelt hatte, kippte die Stimmung in der Halle wieder zugunsten der HSG. Wetzlar spielte nun wie erwartet: schnell in die Spitze und zielstrebig auf Torerfolg. Und immer wieder blitzte das große Talent des »kleinen« Djordjic auf, der insgesamt drei Treffer beisteuerte und ständig als Vorbereiter glänzte. So bereitete er wiederum mit einer tollen Körpertäuschung das 15:11 von Avishay Smoler vor, der mit einem schnellen Vorstoß den Rest erledigte. Dennoch war von Zufriedenheit bei den HSG-Spielern keine Spur. Vor allem die lasche Herangehensweise in der Abwehr ärgerte Timo Salzer: »36 geworfene Tore sind sicher in Ordnung. Aber 28 Gegentreffer sind einfach zu viel. Klar, es war zunächst einmal wichtig, dass wir zwei Punkte holen. Doch in der Deckung waren wir zu nachlässig.«
Im zweiten Durchgang, der keinerlei Spannung mehr bot, konnte sogar der schwergewichtige Essener Patrick Wiencek - der im ersten Abschnitt eine gute Chance nach der anderen kläglich versiebt hatte - Gegenstoßspiel Akzente setzen. Doch nach seinem Treffer zum 16:24 (40.) war schon klar, dass die Gastgeber eine Nummer zu groß sein würden. Wetzlar schaffte es vor allem im Positionsangriff, die Essener Verlegenheitsabwehr schwindelig zu spielen. So konnte Djordjic eine tolle Kombination zum 31:21 (49.) abschließen. Doch Essen kämpfte weiter und versuchte alles, um die Niederlage in einem erträglichen Rahmen zu halten. Youngster Djordjic fand wie sein Vater deutliche Worte und wollte Ausreden nicht gelten lassen: »Gegen Essen musst du deutlich gewinnen. Das haben wir zwar geschafft, aber ich denke da war noch ein bisschen mehr drin. Dass wir nur drei Rückraumspieler hatten, ist für mich kein Argument. Ich habe mich über die lange Einsatzzeit gefreut.«
Und auch wenn die Selbstkritik am Samstagabend in der Rittal-Arena überwog, so hatte das insgesamt ordentliche Spiel der Wetzlarer auch einige positive Begleiterscheinungen. Fabian Schomburg durfte ein paar Minuten ins Tor, die Kreisläufer zeigten ihr Potenzial - und der Sieg gegen das Schlusslicht war nie gefährdet. Für Manager Rainer Dotzauer gab es noch einen weiteren Grund zur Freude: »Die Zuschauerzahl ist wirklich sensationell. Gegen so einen Gegner kommen 3620 Menschen in die Halle. Das macht mich sehr glücklich.«
Drei Teams sind noch in den Abstiegskampf der Handball-Bundesliga verstrickt: HSG Wetzlar, TV 05/07 Hüttenberg, Bergischer HC. Wer schafft den Klassenerhalt?